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Zurück zum Buschfunk – das Internet rüttelt am Elfenbeinturm der klassischen Medien

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STÄNDIG ONLINE: Kommende Generationen leben permanent in zwei Welten - auch wie hier der Nachwuchs beim Mitteldeutschen Medientreffpunkt in Leipzig.

 

Infotainment, Betroffenheitsjournalismus oder Promis vor langweilige Themen zu spannen – so leicht lassen sich die Mediennutzer von heute und morgen nicht mehr füttern. Die Unterschätzung jener Mediennutzer und die eigene Überschätzung lassen klassische Medien zu Dinosauriern werden, die bekanntermaßen die Evolution nicht überlebt haben. Die Lösung ist einfach und journalistisch: zuhören. Eine Streitschrift von Henryk BALKOW*

Anpassen heißt nicht verbiegen. Anpassung bedeutet, wie ein Fuchs die Umweltbewegungen erkennen und dann die richtigen Entscheidungen zu treffen. „Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden“, lehrte uns schon Sokrates. Nun sitzen an den entscheidenden Positionen Generationen, die in Vollbeschäftigung und Trägheit aufgewachsen sind, während jüngere Generation hoch motiviert, nah am Zeitgeist, vergebens mit den Hufen scharren. Was passiert da gerade in der deutschen Medienlandschaft?

Medienwandel und Medienkonvergenz

Die einen sehen es als Chance, die anderen als nervtötende Herausforderung, die beinahe zum Burnout einer ganzen Zunft führt. Das Internet hat die Mediennutzung revolutioniert. Der Nachrichtenwert „Aktualität“ wurde durch Social Communities, Online-Magazine, Twitter & Co. neu besetzt. Die Tageszeitungen kommen erst am kommenden Morgen hinterher. Die Fernsehnachrichten bringen durch die Abhängigkeit von Bildern und zeitraubender Postproduktion keine brauchbaren Nachrichten vor 18 Uhr. Das Internet ist schneller. Der Nachrichtenwert „Exklusivität“ nimmt ab, denn die Informanten finden zunehmend durch eigene Medienkanäle im Internet ihren Verbreitungsweg als Do-it-yourself-Medienproduzenten.

Die Nachrichtenwerte „Prominenz“, „Emotionalität“ und „Visualisierung“ nehmen hingegen zu, weil sie leicht verdaulich sind. Zudem glauben viele Journalisten immer noch, Prominenz würde ihre Artikel interessanter machen. Aber das Internet ist besser und wird den klassischen Medien auf diesen Feldern schneller Land rauben, als sie es merken werden. Indes verlieren sie ihre eigentlichen Kernkompetenzen aus den Augen. Der Nachrichtenwert „Regionalität“ nimmt ab, weil immer mehr Regionalmedien Höhenluft schnuppern wollen und statt den eigenen Lesern überregionale Bedeutung im Sucher haben. Hochmut kommt vor dem Fall. Und so schwindet auch der Nachwichtenwert „Relevanz“, denn immer mehr klassische Medien verlieren die Nähe zu ihren Konsumenten und damit Käufern. Journalistische Distanz hat ungesunde Blüten getragen. Nähe zu Themen und Lesern ist keine mangelnde Distanz, sondern überlebenswichtig. Nähe und Objektivität schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern lassen sich miteinander verbinden, nur ist es anstrengend. Im Lokalen und Regionalen geht es kaum anders, man trifft seine Akteure und Leser auf der Straße. Verantwortung hat hier ein Gesicht. Gleichzeitig schöpfen Journalisten hier auch Anerkennung, vielleicht nicht von Prominenten oder hoch dekorierten Politikern, dafür aber von wirklich relevanten Mitmenschen.

In einem Vortrag in Wiesbaden wies Harald Grönke, Geschäftsführer der Hessisch-Niedersächsisch Allgemeinen Zeitung (HNA) jüngst auf die Titelgeschichten von Ausgaben mehrerer überregionaler und regionaler Zeitungen an jenem Freitag hin. Alle machten mit dem Papst-Besuch in Großbritannien auf. Welche Relevanz hat das für Leser, Hörer und Zuschauer in Deutschland? Ist das wirklich ein Titelthema? Gern neigen sogar Regionalzeitungen dazu, überregionale Themen regional herunterzubrechen – was prinzipiell gut und wichtig ist – obwohl regional keine Relevanz für die Leser zu finden ist. Gern wird sie dann auch mal an den Haaren herbei gezogen. Dabei sollte hier die erste der drei grundlegenden Regeln im Journalismus greifen: 1. Themen finden statt erfinden, 2. Informationen verdichten statt dichten und 3. berichten statt richten.

„Relevanz, Relevanz, Relevanz…“ statt Vorgänger Markworts „Fakten, Fakten, Fakten…“da schließe Grönke sich dem neuen FOCUS-Chef Wolfram Weimer vollkommen an, sei jener Journalismus, der das Weiterexistieren dieser Zunft noch sichern könne. Bei der Flut an Informationen und emotionalen Reizen, denen heutzutage ein Mensch in der realen und der zweiten, also Internetwelt, ausgesetzt ist, zeigt dies eine große Schwäche, wie er meinte. Leser erwarten von ihrer Zeitung Selektion und Reduktion auf das Wesentliche. Dazu muss ein Medium seine Leser gut kennen, um Relevanz einschätzen zu können. Und da liegt der Kern des Problems. Während der Prügelknabe der Zunft, die BILD, unter dem Gelächter der „seriösen Zeitungen“ einen Leserbeirat gründet, der die Blattentwicklung mitbestimmt, brechen bei den Regionalzeitungen die Auflagen ein. Dabei ist die Auflage ohnehin nicht so wichtig, wie die interaktiv leicht messbare Reichweite – und die bestimmt auch zunehmend das Internet. Die Kosten für Reichweite bei der Übertragung von Inhalten via UKW-Frequenzen, Kabel, Satellit oder mühselig über Zeitungsdruck in der Nacht und Auslieferung können mit der schnellen, billigen Verbreitung durch das Internet nicht mithalten. Das ist nur leider in den Elfenbeintürmen vieler Chefredaktionen noch nicht angekommen. Dabei könnte genau das die Lösung für fehlende Etats beim Qualitätsjournalismus sein. Natürlich ist Qualitätsjournalismus nicht in erster Linie geldabhängig. Aber ganz ohne geht es auch nicht. Das öffentlich-rechtliche Fernehen demonstriert allerdings an einigen Stellen die Zusammenhangslosigkeit von Geld und Qualität. Oder wie ZEIT-Redakteur Christoph Diekmann das in einem Podium zum vergangenen Mitteldeutschen Medientreffpunkt formulierte: „Wenn man den ganzen Tag MDR schaut, könnte man glauben, die Zuschauer sind alt und dumm“. Damit war gemeint, dass manche Formate in den klassischen Medien ihre Nutzer nicht ernst nehmen und vor allem nicht fordern. „Die sind so, die ticken so. Das ist so seit Jahrzehnten…“. Dieser Altersheimjournalismus widerspricht den statistisch verifizierten Realitäten. Während die unterschätzten, oft auch älteren Nutzer sich weiterentwickeln, wird in den Elfenbeintürmen weiter Plan-Journalismus betrieben. Und trotzdem flattert alles aufgeregt wie Hühner über den Hof, wenn Themen umgesetzt werden müssen. Immer und immer wieder. Es ist die Unsicherheit durch das Internet, die wie ein Damoklesschwert über den Redaktionen thront. Es scheint, als hoffen viele Journalisten in den klassischen Medien, sich mit ihrer bisherigen Arbeitsweise noch bis zum Ruhestand hangeln zu können. Aber das Internet wird schneller sein. Das Internet ist kein Lehrerzimmer, in dem die jungen, die dazustoßen, mit der Zeit zurecht geschliffen werden und alles immer beim alten bleibt.

So oft haben die klassischen Medien es schon unterschätzt. Als Ende der 90er die New-Economy-Blase geplatzt ist, haben die klassischen Medien den Online-Journalismus gleich mit begraben. Womit sie nicht gerechnet haben, war der mündige und aktive Medienkonsument. Die technologischen Entwicklungen des Internets und der Endgeräte haben einer unglaublichen Interaktivität die breite Datenbahn frei gemacht. Mit Google wurde die Selbst-Recherche revolutioniert, mit Social Communities die klassischen Kommunikationskanäle durcheinandergewirbelt. Was bleibt, ist Ratlosigkeit in den Elfenbeintürmen. Kopflos wurden von großen Verlagen bis heute Konzepte ausprobiert, um im Internet Fuß zu fassen und den nicht aufzuhaltenden Medienwandel zu überleben. Auf Medienkonvergenz kamen nur wenige. Das Zusammenspiel alter und neuer Medien würde Qualität und Nutzen sogar erhöhen. Aber: Das Internet war zu lange der Feind, den man aussitzen müsse. Überheblich saßen die Chefredakteure mit verschränkten Armen zurückgelehnt in den Sesseln der Podien bei den Medienkongressen. Sie konnten und wollten nicht einsehen, dass das Internet die Medienwelt extrem liberalisiert hat, Mauern aufbrach und damit die Zunft der Medienmacher in den soziokulturellen Raum verlagerte.  Was vor zehn Jahren noch Zukunftsmusik von Spinnern war, passierte. Die ältere Generation Medienmacher hat freilich einen anderen Zugang, der historisch aus der Wächterfunktion gewachsen ist, wegen der Medien in der BRD ihre großzügige Pressefreiheit überhaupt bekamen. Inzwischen haben nicht nur die Suchmaschinen und Onlinemagazine die Mediennutzung der Konsumenten verändert und somit das Interesse der zahlenden Werbeindustrie geweckt. Auf die Frage „Woher weißt Du das?“ oder „Wo steht das?“ hätte man früher mit einem Titel einer Zeitung oder eines Radiosenders geantwortet. Das war der ganze Stolz dieser Zunft. Heute steht es zuerst bei Facebook und MeinVZ. Facebook hat mit 500 Millionen Nutzern weltweit (Tendenz steigend) jetzt schon eine höhere Auflage als alle deutschen Tageszeitungen zusammen. Der Buschfunk und das Dorfgespräch sind zurück, die orale Kommunikation im digitalen Zeitalter.

Werte

Wir waren einmal Aufklärer, Entdecker und Reformer. Hans-Dietrich Genscher bezeichnete uns als „Artillerie der Freiheit“. Was daraus geworden ist, will ich an dieser Stelle gar nicht selbst kommentieren, sondern jedem Mediennutzer überlassen. Allerdings empfehle ich hierzu die Abschiedsrede von Alt-Bundespräsident Johannes Rau 2004 vor dem Netzwerk Recherche in Hannover, die leider immer noch aktuell ist: „Medien zwischen Anspruch und Wirklichkeit“, der ich mich anschließe.

Journalisten und Lehrende wie Prof. Dr. Michael Haller, Thomas Leif, Hans Leyendecker, Günther Wallraff, viele Mitglieder im Netzwerk Recherche e. V. und der Pressekodex des Deutschen Presserats werden von den Elfenbeintürmen belächelt. Noch schlimmer: die meisten Journalisten und andere Medienproduzenten kennen diese gar nicht mehr. Das liegt nicht nur an den vielen Quereinsteigern im dank Pressefreiheit offenen Berufszugang zum Journalismus. Und es liegt auch nicht am Internet und den „vielen bösen Bloggern“. Es liegt vor allem an zu wenig konsequenter Medienaufsicht und der durch Arroganz verblendeten Führung vieler klassischen Medien. Selbstverständlichkeit hat behäbig gemacht, die Macher wie die Nutzer. Die Macher fühlen sich immer noch als Elite, dabei zwingt das Internet sie längst, ein Teil des soziokulturellen Raums zu sein. Unvorstellbar für Generationen ab 40 aufwärts. Die Nutzer strafen das nicht ab und bestätigen damit diese Haltung auch noch. Leider finden Verlage für die sinkenden Auflagen immer wieder neue Ausreden wie das „böse Internet“. Nur die Selbstkritik, die sie von den Akteuren fordern, über die sie berichten, fordern sie nicht von sich selbst. Transparenz gibt es kaum. Transparenz ist es nicht, bei Facebook zu posten, wie gut die Stimmung gerade in der Redaktion ist.

Für die klassischen Medien gibt es unzählige Aufsichtsorgane. Der Deutsche Presserat ist träge und zu passiv, ebenso wie die mündigen Bürger, die Beschwerden einreichen könnten. Die Rundfunkräte sind durchtränkt von politischen Einflüssen. Die Landesmedienanstalten werden von den großen Privatsendern gegeneinander ausgespielt und kommen so um Sanktionen herum. Aber da ist ja noch das Internet. Hier wird ständig sanktioniert, oft durch Klickzahlen und Suchmaschinen-Platzierungen. Die Lösung liegt in der Medienkonvergenz. Die Internetpräsenzen vieler Regionalzeitungen und anderer Zeitungsverlage geben allerdings ein jämmerliches Bild vom Verständnis der Blattmacher hinsichtlich der Medienkonvergenz ab. Und sie zeigen oft auch wieder die fehlende Nähe zu den Lesern. Konvergenz heißt: aufeinander zugehen, nicht, sich zu verbiegen oder zu verstellen. Konvergenz ist eine gemeinsame Anpassung an die dynamische Umwelt. Der erste Schritt wäre Verständnis. Dazu müssten viele Medienmacher ihre Elfenbeintürme verlassen und ihren wirklichen Nutzern zuhören. Ich würde es mir wünschen. Denn der jahrelange Glaube, die Leser kommen mit Familiengründung und Hausbau zurück zu den klassischen Medien und jeder will eine echte Zeitung beim Lesen in der Hand haben, wurde bereits von unzähligen Nutzerstudien und den Internetstatistiken widerlegt. Deshalb zurück zu alten Werten: Lesen macht schlau ;o)

Wir müssen umdenken, auch wenn es schwer fällt. Journalisten sind es gewohnt, stets die Fehler bei anderen zu suchen und zu publizieren. Mit der Internet-Revolution werden wir gezwungen, auch bei uns Fehler zu identifizieren, darüber einen offenen, ehrlichen Diskurs zu führen und daraus zu lernen, wenn klassische Medien nicht aussterben sollen. Von allein verlagern sich qualitativ gute Medieninhalte nicht aus klassischen in die neuen Medien.

Wir müssen die ursprünglichen Werte wieder entdecken und pflegen. Vertreten müssen wir sie aber alle gemeinsam. Nicht nur Haller & Co., sondern auch folgende Generationen. Alles beginnt mit dem Zuhören.

*Henryk Balkow M.A. ist seit seinem 17. Lebensjahr freier Journalist für Tageszeitungen, Nachrichtenagenturen und Fernsehen mit Lebensmittelpunkt in Erfurt. Hier hat der Medienexperte eine eigene Nachrichtenagentur, ames Medien, gegründet. Er studierte in der Thüringer Landeshauptstadt Staatswissenschaften und Kommunikationswissenschaft. Inzwischen klärt der 30-jährige an Universitäten und Akademien in Berlin, Leipzig, Erfurt und Ilmenau in Praxis-Seminaren als Lehrbeauftragter für Journalismus, Mediensystem, PR und Kommunikation auf. Bei der Thüringer Landesmedienanstalt ist Henryk Balkow ehrenamtlich Vorsitzender im Ausschuss für Programmaufsicht und Jugendschutz sowie Mitglied im Ausschuss für Medienkompetenz und Bürgermedien. Beim junge medien thüringen – junge presse thüringen e.V. bildet er seit zehn Jahren den Mediennachwuchs aus. Zur Zeit promoviert er zudem an der Friedrich-Schiller-Universität Jena in der ökonomischen Netzwerkforschung.

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Written by Henryk Balkow

Oktober 5, 2010 at 11:26 pm