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Orchester der Einheit – Die Thüringer STÜBAphilharmonie begleitete symbolisch den Festakt 20 Jahre Tag der Deutschen Einheit vor dem Reichstag

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STÜBAphilharmonie & Clueso & Band

Viele verschiedene Klangfarben – eine harmonische, kraftvolle Einheit. Ein Orchester steht für Einheit trotz Unterschieden. Die STÜBAphilharmonie vertonte heute den Tag der Deutschen Einheit, steht aber auch als Sinnbild einer zusammengewachsenen Generation zwischen Umbruch, Aufbruch und Durchbruch. Von Henryk BALKOW

BERLIN. 03. Oktober 2010.

Zwischen 20 und 30 Jahren sind die meisten der rund 150 Vereinsmitglieder alt. Sie haben die politische Wende 1989 als Kinder erlebt und sind in die Deutsche Einheit hineingewachsen. Die Stüba Philharmonie hat heute Abend vor dem Deutschen Reichstag den offiziellen Festakt des Bundestags verzaubert. Eine große Ehre für die jungen Thüringer. Sie spielten die Deutsche und Europäische Hymne. Der Bundestag suchte sich außerdem den Prolog aus dem Filmklassiker „Metropolis“ sowie „Gewinner“ und „Keinen Zentimeter“ gemeinsam mit dem Thüringer Musiker und Produzenten Clueso heraus.

Der 30-jährige Erfurter erlebte die DDR nur als Kind, vergaß aber auch in seinen Rap-Texten der 90er Jahre nicht, dass auch da ideologisch und pädagogisch geprägt mit Plastik-Granaten in der Schule gespielt wurde. Für den musikalischen Freigeist war die Wende 1989 ein Gewinn.

Auch die jungen Musiker der STÜBAphilharmonie fühlen sich als Gewinner der Deutschen Einheit. Sie haben sich selbst und gemeinsam etwas aufgebaut. Sie stehen für Entfaltung und Aufbau dank Freiheit. „Wir konnten immer frei über Art und Inhalt der Projekte entscheiden. Wir wissen, das war nicht immer so. Aber wir wissen es nur noch aus Erzählungen der älteren Generationen“, erklärt Jens Kobe. Der gerade 30 Jahre jung gewordene Trompeter und Vorsitzende des als Verein organisierten Freizeitorchesters erlebte die politische Wende als 9-Jähriger in Stützerbach am Rennsteig. Diesem Ort verdankt das Orchester auch seinen Namen, denn hier fanden über viele Jahre hinweg die Proben der STÜBAphilharmonie statt. Eigentlich kommen die Musiker aber aus ganz Thüringen, inzwischen auch aus ganz Deutschland. Manche sind zu-, andere abgewandert. Der Zusammenhalt blieb immer.

Nur wenige von ihnen sind Profi-Musiker. „Wir spielen hier alle als Herzensmusiker mit Leidenschaft und weil wir zusammen wie eine Familie sind“, so Jens Kobe weiter. Das aus dem Landesjugendspaß-Orchester entsprungene Projekt hatte dabei nicht immer blühende Landschaften in der Kasse. Es ist kein Verdienst der Thüringer Kulturförderung gewesen, der den Nährboden der STÜBAphilharmonie sicherte. „Dahinter stecken viel Eigeninitiative, Engagement und Zusammenhalt. Als wir 2007 mit Clueso erstmals einen ersten großen, gemeinsamen Auftritt bei einem großen Berliner Radiosender hatten, entdeckte die Kulturstiftung des Bundes unser Potenzial und förderte uns“, erinnert sich Kobe. Aus dem Fonds „Neue Länder“ wurde das Projekt unterstützt. Inzwischen haben Clueso und die STÜBAphilharmonie erfolgreich ein gemeinsames Doppel-Album mit 24 Songs herausgebracht. Die Texte von Clueso passten, denn sie spiegeln die Sehnsüchte, Sichtweisen, das Miteinander und den Mut der gemeinsamen Generation wieder. Eine Generation, die seit der Deutschen Einheit mit dem Kopf durch Mauern geht.

Das Projekt stehe zudem für einen kulturellen Brückenschlag zwischen Generationen, aber auch zwischen alten und neuen Bundesländern, bekräftigt Jens Kobe. Mit den Klassik-Arrangements der beliebten Clueso-Songs begeistert das Thüringer Orchester bundesweit Fans für eine Musikkultur, die ihnen bislang meistens fremd war. Die gemeinsame Konzert-Tour in den alten Bundesländern im vergangenen Jahr war restlos ausverkauft. „Es ist ein viel durchmischteres Publikum. Die Jüngeren klatschen zwischen den Sinfoniestücken, weil sie es nicht anders kennen. Daran muss man sich als Klassischer Musiker erst gewöhnen, aber das ist gut so“. meint der gebürtige Stützerbacher. Für Clueso war es die Erfüllung eines Traums: als Sänger seine Songs mit einem Orchester auf die Bühne bringen. Vor fünf Jahren wurde dies das Geschenk zu seinem 25. Geburtstag. „Ich bin immer noch jedes Mal wie ein kleines Kind beeindruckt, wenn ich singe und die Lieder mit der sanften Wucht dieses Orchesters verstärkt werden“, schwärmte Clueso im Interview.

Der Erfurter berichtet immer wieder stolz über das Staunen von Musikern außerhalb, wie sich in Thüringen junge Leute treffen und offen gemeinsam etwas aufbauen. Die Löcher in der Infrastruktur der neuen Bundesländer hätten oft die Möglichkeit für neue Brücken geboten. Der Videoproduzent des Zughafens, Baris Aladag, kommt aus Köln.  Cluesos neues Album produziert er gerade nahe Stuttgart zu Ende. Sein Manager ist aus Berlin über Köln nach Erfurt gezogen. Stüba, Clueso und der Zughafen kennen keine Grenzen. Es wuchs zusammen, was zusammengehört.

Inzwischen hat die STÜBAphilharmonie ihren Vereinssitz in den Erfurter Zughafen verlagert, in dem auch Clueso seine Musik produziert. Gemeinsam arbeiten hier Musiker, Freunde, Macher an Projekten. Sie kommen aus allen Himmelsrichtungen, treffen sich, machen Musik. Sie begeistern sich gegenseitig, werden begeistert und packen an. Für die Kulturstiftung des Bundes ein seltenes, nachhaltiges Vorzeigeobjekt der Kulturförderung.

„Wir haben beide kein festes Repertoire, sondern machen immer wieder neue Projekte, auf die wir Bock haben“, so Kobe weiter. Das Kammer-Orchester der STÜBAphilharmonie spielte so beispielsweise vergangenen Sommer beim Wave-Gotik-Treffen in Leipzig Mozarts Requiem in der Krypta des Völkerschlachtdenkmals. In Ilmenau und Oberhof spielten sie die 2. Sinfonie von Ralf Vaughan Williams. Am Deutschen Nationaltheater Weimar vertonten sie ein Puppenspiel für Kinder. Dahinter und dazwischen stecken viele Probecamps in der Freizeit, mal auf Burg Lohra, mal am Rennsteig. Und auch die eigenen Mitgliedsbeiträge. „Unser Antrieb ist einerseits eine immer flammende Neugier, auch für unkonventionelle Projekte. Der Applaus unseres Publikums ist wohl auch deswegen kein gewöhnliches Klatschen, sondern Dank für ein Stück eigensinnige und leidenschaftliche Kultur. Große, glasige Augen bei Jung und Alt sind aber die größte Anerkennung für die Entscheidungen und das Engagement der letzten Jahre“. Nachwuchsprobleme gebe es bei der STÜBAphilharmonie nicht. Wer wolle, könne sich aber als Fördermitglied des Vereins auch ohne Instrument dem kulturellen Freigeist des Orchesters anschließen.

Internet-Tipp: www.stueba.de, www.clueso.de und www.zughafen.de

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Written by Henryk Balkow

Oktober 4, 2010 at 12:06 am