Relevanzjournalismus's Blog

Just another WordPress.com site

Der Preis ist heiß oder: Die letzten beißen die Hunde

leave a comment »

Ob Prophezeiung oder Wunschdenken, das Titelthema des diesjährigen Medientreffpunkts Mitteldeutschland (MTM) spiegelte neben allem Zweifel der vergangenen Jahre auch berechtigte Hoffnungen wider. Mit „Preis schlägt gratis“ als Formel klingt das irgendwo zwischen plump und plakativ und somit weit weg von journalistischer Qualität, die in so ziemlich jedem Podium des MTM auf den Tisch kam. Von Henryk Balkow

Die Gretchenfrage, wer das nun alles bezahlen, ist nach jahrelanger Wahrsagerei in den Podien des MTM seit diesem Jahr etwas klarer geworden. Das ist zum einen den technologischen Weiterentwicklungen der Medienindustrien zu verdanken und 2. den gereifteren Erfahrungswerten, wie die verschiedenen Zielgruppen und Generationen welche Medieninhalte verlangen, annehmen und (wie) bezahlen. Konstruktiv klangen in vielen Podien schlüssige Lösungsmodelle an. Der überhebliche Tonfall aus den Chefredaktionen in den Elefantenbeintürmen ist nach der für sie überraschenden Internetrevolution demütiger geworden. Der Nutzer wird auf gleicher Augenhöhe als Partner empfunden, nicht mehr als unmündiger Zuschauer und Leser. Aber auch diese Aussage möchte ich nicht pauschalisieren. Natürlich gibt es Unterschiede. Es zeichneten sich in den Diskussionsrunden die digitalen und sozialen Spalten ab, die es auch außerhalb des MTM gibt. Und so wird es in der Medienentwicklung Gewinner und Verlierer geben. Früher mag das eine Frage des Geldes gewesen sein. Gutes Geld macht heute aber kein gutes Programm mehr, sondern Einfallsreichtum, Exklusivität, Relevanz und Nähe. Die Technologien zur Produktion von Medieninhalten werden immer billiger.  Immer mehr Bürger werden auch in Zukunft ihre Meinungen, Gedanken und pures Entertainment vielfältig produzieren und über das Internet verbreiten. Sender, Programme, Zeitungen und Portale, die ihre Nutzer ernst nehmen, mutig und clever sind und zuverlässig auf Qualität, werden aus dieser Entwicklung stark genug hervorgehen um zu überleben. Die letzten beißen die Hunde. Natürlich werden Mediennutzer für bestimmte, nützliche Leistungen Geld zahlen. Aber sie haben eine große Auswahl. Der Preis ist da eher heiß. Intelligente Diversifikation am Puls der Nutzer ist die eigentliche Überlebensstrategie. Es geht nicht nur um Geschwindigkeit im Internet. Neue Studien wie die von Prof. Dr. Michael Haller lehren uns, wie oft wir uns in Internet-Nutzern täuschen und dass es sich lohnt, nicht zu pauschalisieren, sondern mit Gründlichkeit zu differenzieren.  Die Altersgruppe unter 30 und die darüber haben ein sehr unterschiedliches Medienverhalten, das wir nicht einfach so umerziehen können. Ob über Abo, Micropayment oder Apps oder lokale Zusatz-Services – der Nutzer möchte sinnvolle Angebote, die zu ihm passen. Das Internet liefert sowohl der Marktwirtschaft als auch den Redaktionen wie nie zuvor Informationen darüber, was er wann und wo will. Alles beginnt mit dem Zuhören, auch im Journalismus.

Offener bleibt dagegen noch die Frage, wie bei der Erstellung von journalistischen Medieninhalten die Aufgabenverteilung aussehen wird. Setzt sich das Newsdesk nun durch? Und in welcher Form? Recherchieren Journalisten in Zukunft nur noch von Festplatten und Telefonen aus oder haben wir wieder Zeit, vor Ort zu recherchieren? Müssen Journalisten in Personalunion recherchieren, schreiben, fotografieren, Videos drehen und schneiden und am besten nebenbei noch eine Anzeige und Reisen verkaufen? Nein, sagen selbst Unternehmensberater und Controller, die allgemein hin von Chefredaktionen auch gern auf vergangenen MTMs Plattmacher genannt wurden. Denn, der Logik folgend, dass die Überlebensstrategie unter den vielen und immer leichter zugänglichen Medienangeboten intelligente Diversifikation ist, überleben nur jene Medienangebote, die gute Inhalte liefern. Überforderte, frustrierte, im Büro gefesselte Redakteure liefern wie die Sau durchs digitale Dorf gejagt abgepackte Wurstwaren statt saftigen Steaks. Die im Pressekodex verankerte Rollentrennung in den Medien hatten sich offensichtlich nicht nur die Medienregulierer und Idealisten überlegt, sondern auch die Macher, die mal so gute Blätter gemacht haben, dass sie morgens an der Straßenecke gekauft wurden. Und auch damals hatten die Bürger schon Alternativen. Vielfalt ist keine Gefahr, sondern eine Herausforderung. Und für jene mit Verstand und Bodenhaftung sogar eine Chance.

Eine große Hoffnung kann hier der Mediennachwuchs sein. Er wächst nicht mehr mit dem journalistischen Handwerk, dem Pressekodex und den Bestandsstrukturen der Medienbranche auf. Er wächst mit dem Internet auf, mit technischen und inhaltlichen Kompetenzen in der Mediennutzung und Medienproduktion, die Medienmacher der Bestandsmedien teilweise kaum verstehen, manchmal an ihn verzweifeln und einige sogar zerbrechen. Diese Generation kann uns ergänzen. Zum Treffpunkt Mediennachwuchs im Rahmen des MTM sind sie mittendrin gewesen. Mit anderen Augen, einer anderen Sicht, aber großer Neugier und Tatendrang. Beim junge medien thüringen e.V. versuchen wir dies, wie auch mit unserem Besuch beim MTM, zu kanalisieren und zu vernetzen. Und unser Netzwerk ist kein Elefantenbeinturm oder verkrustete Seilschaften in und zwischen Bestandsmedien und Politik. Hier wurde die Internetrevolution von Anfang als Chance in einer Demokratie verstanden, mitzugestalten. Die Zeiten fester Strukturen, die sich schützen und abschotten lassen sind dem Internet sei Dank vorbei. Wo früher verschlossene Türen und ungerechte Verteilung herrschten, sind heute offene, dynamische Bindungen, die sich immer wieder frisch verlinken und Ideen verwirklichen. Der Inbegriff einer multimedialen Netzwerkgesellschaft mit einer ganz neuen Öffentlichkeit. Wer jetzt noch im Elefantenbeinturm sitzt und an seinen Bestandsstrukturen klammert, ist morgen keine Konkurrenz mehr, sondern Hundefutter.

Presse-Foto: Medientreffpunkt Mitteldeutschland

*Henryk Balkow M.A. ist seit seinem 17. Lebensjahr freier Journalist für Tageszeitungen, Nachrichtenagenturen und Fernsehen mit Lebensmittelpunkt in Erfurt. Hier hat der Medienexperte eine eigene Nachrichtenagentur, ames Medien, gegründet. Er studierte in der Thüringer Landeshauptstadt Staatswissenschaften und Kommunikationswissenschaft. Inzwischen klärt der 30-jährige an Universitäten und Akademien in Berlin, Leipzig, Erfurt und Ilmenau in Praxis-Seminaren als Lehrbeauftragter für Journalismus, Mediensystem, PR und Kommunikation auf. Bei der Thüringer Landesmedienanstalt ist Henryk Balkow ehrenamtlich Vorsitzender im Ausschuss für Programmaufsicht und Jugendschutz sowie Mitglied im Ausschuss für Medienkompetenz und Bürgermedien. Beim junge medien thüringen – junge presse thüringen e.V. bildet er seit zehn Jahren den Mediennachwuchs aus. Zur Zeit promoviert er zudem an der Friedrich-Schiller-Universität Jena in der ökonomischen Netzwerkforschung.

Advertisements

Written by Henryk Balkow

Mai 6, 2011 um 10:44 am

Veröffentlicht in Uncategorized

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: