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Treibjagd der Medien – Wenn Berichterstattung Schicksal spielt

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Es ist der 1. März in Berlin. Um 11.15 Uhr tritt der amtierende Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) vor die aufgewühlten Medienvertreter. Bereits im Vorfeld ließen Bild und DPA verlauten, dass er hier nur seinen Rücktritt erklären könne. Ein entsprechendes Gesuch läge der Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits vor. Diese Pressekonferenz ist das traurige Ende einer wochenlangen Ausschlachtung in den Medien und der Gesellschaft. Er habe die Grenzen seiner Kräfte erreicht, erklärt zu Guttenberg. Die große Hoffnung der schwarz-gelben Bundesregierung nimmt damit ihren Hut und das Schicksal in die eigene Hand.

Von Andy DIETRICH

Am 16. Februar 2011 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung einen Bericht, in dem der Bremer Juraprofessor Andreas Fischer-Lescano, ein bekennender Guttenberg-Kritiker, behauptete, dass ein Großteil der Doktorarbeit des Verteidigungsministers aus Plagiaten bestehe. Damit beruft sich die Münchner Tageszeitung in Zusammenarbeit mit Prof. Fischer-Lescano auf eine Veröffentlichung des Professors in „Kritische Justiz“, Nr. 1/2011, die in diesen Wochen noch nicht einmal erschienen war. Der Jurist spricht im Zeitungsbericht von „dreisten Plagiaten“ und „Täuschung“ und kritisiert zu Guttenberg aufs Schärfste. Den sauberen Grundsatz einer fairen Recherche, der im Pressekodex des Deutschen Presserates festgelegt wurde, übergeht die Süddeutsche Zeitung im Anschluss. Die einseitige Berichterstattung sah lediglich die O-Töne des Juraprofessors, aber nicht des Verteidigungsministers vor. Der Artikel, der eine hohe Resonanz der Bevölkerung erhielt, verstößt gegen alle Ehren des Journalismus.

Es entflammt eine öffentliche Diskussion, die zu Guttenberg nie gewinnen konnte. Bei einer Konferenz, die er im Anschluss an den Süddeutsche-Artikel einberuft, berichtet er von möglichen Versehen in seiner Dissertation. Der Münchner Politiker schließe eigene Fehler nicht aus, doch halte er die Vorwürfe für abstrus. Die Medien dankten ihm nicht für die andere Seite der Darstellung. Stattdessen hielten sie weiter an den Vorwürfen fest und verstärkten ihre Antihaltung durch einseitige Berichte und Reportagen. Es schien, als kämpfe der Verteidigungsminister nun nicht mehr mit seinen Soldaten in Afghanistan, sondern ganz allein in Deutschland gegen die Medienlandschaft und sämtliche Oppositionelle.

Karl-Theodor zu Guttenberg hatte mit seiner Dissertationen einen Fehler begangen, das stellt sich dann am 18. Februar 2011 endgültig heraus. Er legt seinen Doktortitel ab und erklärt vor der Presse, dass er die eingeleitete Untersuchung der Universität Bayreuth und deren erwartete Klärung abwarten werde. Dieser Schritt wird von den Medien als Methode deklariert, unbeschadet aus der in Zukunft „Plagiatsaffäre“ genannten Sache herauszukommen. Die Berichterstattung läuft weiter, sie wertet und richtet ohne Beachtung sämtlicher Grundsätze ihrer Arbeit.

Inzwischen ist auch die Internet-Community an der Treibjagd beteiligt. Der sogenannte „GuttenPlag Wiki“, ein Zusammenschluss mehrerer Guttenberg-Gegner im Internet, der sich am 17. Februar gründete, deckt Tag für Tag mehr Seiten in der Dissertation auf, die Plagiate enthalten. In einer Erklärung am Tag des Rücktritts des Verteidigungsministers erklärt die Community, dass auf 82% der Seiten der Doktorarbeit Plagiate enthalten sein sollen. Die F.A.Z. bezeichnet diesen Zusammenschluss im Internet als wohl bekannteste Internetgemeinde der heutigen Zeit, Spiegel Online spricht von dem Paradebeispiel für die Macht der Masse.

Am 18. Februar, also zwei Tage nach Bekanntwerden der Plagiate, sterben in Afghanistan zwei deutsche Soldaten, sieben weitere werden verletzt, einige schwer. Zu Guttenberg zeigt sich mit tiefer Trauer, doch die Medien interessiert das nicht. Während der Erklärung zu den Plagiatsvorwürfen meint der Verteidigungsminister, er trage die Verantwortung für die Soldaten im Einsatz, wie ein Ereignis am heutigen Tage wieder einmal bitter beweist. Doch der Fokus der Berichterstattung kann davon nicht abgelenkt werden. Anstatt das Schicksal von neun Soldaten zu betrauern, bezieht sich der deutsche Journalismus weiter auf die Plagiate. Es ist das traurige Hoch der einseitigen Berichterstattung.

In den hektischen Tagen scheint zu Guttenberg nur einen Freund in den Medien zu haben, die ach so mächtige Bild-Zeitung. Die Konkurrenzmedien nutzen diese Verbindung aus und kritisieren die Berichterstattung des Springer-Erzeugnisses lauthals und offenkundig. Spiegel Online, die generell die reißerische Berichterstattung der Bild anprangern, schreiben nach zu Guttenbergs Rücktritt „Keine Rettung trotz Schlachtschiff-Hilfe (Bild-Zeitung, Anm. der Redaktion)“. Tagesspiegel.de nimmt die Verbindung sogar als Aufmacher für einen Bericht und berichtet: „Gegen die Macht des Internets kam selbst die Bild nicht an“. Die Medien feiern „GuttenPlag Wiki“ als Sieger über den Boulevard-Journalismus.

Die Medienlandschaft versucht, ihren einseitigen Journalismus zu erklären, ja sogar zu verteidigen. Sie nutzen die Internetbewegung als Ansatz für ihre Berichterstattung und reden vom Gewinn der breiten Masse, der herausragenden Arbeit der Deutschen und sogar dem Triumph der Masse gegen die so mächtige Bild-Zeitung. Doch gespeist werden diese Meinungen doch aus den Medien. Die Journalisten setzen den Fokus gezielt auf „GuttenPlag Wiki“, um sich von dem Vorwurf der einseitigen Berichterstattung zu lösen. Den Rückhalt der Deutschen in puncto zu Guttenberg und die Unterstützung und Solidarität sehen sie dabei nicht. Ein prägendes Beispiel: Die Gruppe „Wir wollen Guttenberg zurück“ hat am 1. März um 23.50 Uhr, also rund 13 Stunden nach dem Rücktritt, bereits 268.368 Mitglieder, Tendenz stark steigend. Im Forum herrschen hitzige Diskussionen, in denen unter anderem auch Begriffe wie „Hetzjagd“ und „Schande“ fielen. Die Mitglieder rufen auf zu Massenmails und freier Meinungsäußerung. Es bleibt abzuwarten, wie lang die Medien darüber schweigen können.

Es ist verherrlichende Meinungsmache, die auch in Konkurrenz zur Bild tritt. Die Anti-Guttenberg-Stimmung ist allumfassend. Die sogenannten Gatekeeper prägen das öffentliche Bild, sie vertreiben einen begabten und beliebten Politiker aus dem Amt. Zu Guttenberg, der eine saubere Arbeit als Verteidigungsminister auch jenseits der Erwartungshaltungen lieferte, stets von seinen Soldaten sprach und auch mit dem Ellbogen arbeitete, ist das moderne Opfer der Medien. Ein prägendes Beispiel für die Missachtung des Pressekodex. Teilt sich das Medienecho doch auf in Sensationsberichterstattung, Ehrverletzung und einseitige Recherche. Das Opfer ist ein beliebter Politiker, der für viele als Leitbild einer neuen politischen Kultur galt. Mutmaßend könnte sogar gesagt werden, der Freiherr zu Guttenberg sei zu mächtig geworden, doch von solchen Aussagen distanziert sich dieser Kommentar. Er mag sich nicht anhängen lassen, dass er den Pressekodex nicht achtet und erst recht nicht, er kooperiere mit der Bild. Doch er sagt sich los vom Spiegel, der F.A.Z., der Süddeutschen und den anderen Erzeugnissen, die Hand in Hand einen Politiker fällten. Und das, obwohl sie doch nur die Bild-Zeitung übertrumpfen wollten.

* Andy Dietrich war bereits während seiner Schulzeit klar, dass die Medien auf ihn warten. Mit 15 Jahren hatte er seine erste Publikation in einer Tageszeitung, mit 17 ging er bereits zu ersten Presseterminen. Während seines Studium der Germanistik und Sozialwissenschaften an der Universität Erfurt lernte er als freischaffender Journalist die breiteVielfalt des Berufsfeldes kennen. Inzwischen arbeitet Andy Dietrich für diverse Tageszeitungen, Medienagenturen und Onlinemagazine. Nebenbei erklärt er in Universitätsseminaren, welche Kniffe und Tricks ein Journalist beherrschen sollte und was dabei vor allem zu beachten ist. Seit inzwischen zehn Jahren bildet er weiterhin beim „junge medien thüringen – junge presse thüringen e.V.“ den Thüringer Mediennachwuchs aus. Ehrenamtlich, versteht sich.

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Written by Henryk Balkow

März 2, 2011 um 10:38 am

Veröffentlicht in Uncategorized

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