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Einen „Brennpunkt“ für den Journalismus, bitte

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Vor wenigen Wochen entfachte in Tunesien eine Weltrevolution. Trotz teurer, gebührenfinanzierender Rundfunk-Medien mit großartigen Korrespondenten-Netzen haben wir den hoffentlich kommenden Domino-Effekt fallender eiserner Vorhänge zunächst lange verschlafen. Es wurde weiter munter gekocht, fremdgeschämt und geschunkelt. Das Problem sind nicht die Öffentlich-Rechtlichen, sondern der allgemeine Selbstaufgabe einer einst so wichtigen und kämpferischen Zunft.

Von Henryk BALKOW

mediennachwuchs

Generation Network: Der Mediennachuchs ist aktiver und kritischer als oft geglaubt. Was fehlt, sind mehr gute Vorbilder.

Als „Artillerie der Freiheit“ hat der einstige Außenminister Hans-Dietrich Genscher die Presse bezeichnet. Damals waren Politiker noch unerschüttliche, kluge Menschen und keine halbgeistigen Marionetten. Damals haben sich Politiker noch nicht wie ein scheues Reh von den Medien durch den dunklen Blätter-Wald treiben lassen. Damals war alles besser? Mitnichten. Aber die neuen Möglichkeiten digitaler Medien blieben ungenutzt am Wegesrand von Journalistenkarrieren zwischen Bedeutungssuche im Blatt und Aufmerksamkeit in V.I.P.-Kreisen liegen in dem Glauben, das gehe wieder vorbei, bis die Rente kommt. Stiefmütterlich verspielen wir, indem wir das zulassen, unsere weltweit einzigartige Pressefreiheit, die Generationen vor uns über Jahrhunderte hart erkämpft und mit vielen Opfern bezahlt haben.

Journalismus, der unabhängig und kritisch mit einem leichten Hauch von Anarchismus politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Prozesse begleitet und die Menschen zum aufgeklärten Denken und Handeln befähigt, ist Geschichte – und zwar nicht im Blatt.

Nein, wir „Chronisten“ finden solche Vorbilder beinahe nur noch in Büchern wie dem fantastischen Briefwechsel von Marion Gräfin Dönhoff und Dr. Gerd Bucerius. Schicksalhaft zweideutig heißt das Buch über die beiden Macher der ZEIT „Ein wenig betrübt, Ihre Marion“. Wenn die Gräfin wüsste, was aus dem Journalismus in Deutschland geworden ist. Wer dessen Sterbebett noch mal besuchen will, kann bald nach Leipzig pilgern. In der größten und europaweot besten Journalistenschmiede, der Journalistik an der Universität Leipzig, geht einer der ganz Großen. Michael Haller lehrte dort jahrelang, brachte nebenbei von Hamburg aus das selbstkritische Medienmagazin „Message“ heraus. Haller, der selbst lange für SPIEGEL und Zeit arbeitete, veröffentlichte mehrere Lehrbücher für Qualitätsjournalismus beim Verlag UVK Medien. Wie der letzte Mohikaner der schreibenden Zunft kämpfte er stets für die reine Lehre der Journalisten – oft belächelt oder übersehen von den praktizierenden Medienmachern.

Inzwischen hat fast jede Hochschule in Deutschland einen der trendigen IMM-Studiengänge im Bauchladen (Irgendwas Mit Medien). Die Erkenntnisse über Funktionieren, Qualität und Wirkung von Medieninhalten, die Studiengänge wie Medien- oder Kommunikationswissenschaften hervorbringen, wird von der PR gern wahr und ernst genommen, während die meisten Medienmacher noch betriebsblind in ihren Elfenbeintürmen sitzen. Journalisten sind aber keine exklusive Elite mehr, sondern Teil einer Netzwerkgesellschaft. Die fünf wesentlichen Elemente hat Don Tapscott in der aktuellen Ausgabe von brand.eins im Interview mit Steffan Heuer gut zusammengefasst. Aufgepasst Kollegen: Zusammenarbeit, Offenheit, Bereitschaft zum Teilen, Integrität und Interdependenz. Damit hat eine mutige Radiojournalistin dank facebook™ etwas angestoßen, das ohne Internet wohl für etliche Epochen undenkbar gewesen wäre. Das Internet ist nur ein Feind für jene, die Macht nicht teilen wollen. Also Anti-Demokraten.

Das Internet könnte auch die Chance sein, den Qualitätsjournalismus in Deutschland nicht nur zu retten, sondern zu revolutionieren. Es ist nur alles soviel. Der Wandel geht schneller als wir mitkommen. Eine Lüge macht weltweit schneller die Runde als die Wahrheit die Stiefel anziehen kann. Es hilft nur die Reduktion auf das Wesentliche. Wir müssen nicht alles machen, aber mindestens unser Handwerk. Das geht wie in der Mathematik nur über die Wurzel, die wir ziehen müssen. Das Internet ist dabei lediglich ein Instrument und weder ein böser Geist noch ein großes schwarzes Loch für journalistische Qualität.

Wir könnten gemeinsam das Maximum an Leser- und Zuschauernähe erreichen. Toll, oder? Das haben wir uns früher immer gewünscht und mit aufwendigen Leseraktionen herbeigerufen. Da hatten wir noch die Kontrolle. Aber jetzt? Was passiert da eigentlich? Und: Hat das nicht irgendjemand vorhergesehen wie bei der Weltwirtschaftskrise? Hinterher will wieder niemand etwas geahnt haben. Vergessen ist so leicht.

Rückblick: Altbundespräsident Horst Köhler wünschte sich vor seinem Amts-Abtritt, den viele Medienmacher mit ihrer oberflächlichen Arbeit herbeipubliziert haben, zum Abschied von der Presse „Haltung“ und „Ahnung“.

Jahre zuvor appellierte mit gleicher Kritik sein Vorgänger Altbundespräsident Rau bei seinem Abtritt an die Presse mit einem konkreten Wunschzettel beim Jahrestreffen des Netzwerk Recherche e.V. :

1. Journalisten brauchen eine gute Ausbildung,

2. guter Journalismus kostet Geld,

3. Journalisten müssen unabhängig von ökonomischen Interessen sein,

4. Journalisten brauchen einen eigenen Kopf,

5. Journalisten müssen Zusammenhänge erkennen,

6. Journalisten müssen einen Standpunkt haben,

7. Journalisten sind Beobachter, nicht Handelnde,

8. Journalisten sollen die Wirklichkeit abbilden,

9. Journalisten tragen Verantwortung für das, was sie tun.

Neun einfache, sinnvolle Gebote, die er uns hinterlassen hat. Und wer da ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. Aber bitte nicht immer in die gleiche Richtung.

Wir holen bei solchen Debatten gern die BILD aus dem Schrank und watschen sie ab. Aber können wir bitte mal über die Märkische Oderzeitung reden oder den RBB oder den MDR? Wer sich das mit Verstand anschaut, versteht den Versorgungsauftrag aus dem Rundfunkstaatsvertrag nicht mehr und muss zwangsläufig bei der Lektüre von Albrecht Müllers „Meinungsmache“ zum Verschwörungstheoretiker werden.

Wenn nicht die BILD für solche Erklärungen herhalten muss, wird die die PR gern ausgeschlachtet. Keine Frage, die hat den Wandel verstanden und ihre Hausaufgaben gemacht. Aber ist die PR Schuld, wenn der Journalismus ohne seine Hausaufgaben in die Schule kommt und dann schlechte Noten einfängt und nicht versetzt wird?

Wie viele andere freie Journalisten habe auch ich mich mit PR-Aufträgen kofinanziert. Kein Problem. Wir Journalisten mussten schon immer im Denken und Handeln differenzieren können. Heute ist alles vernetzt. Der reine Journalismus oder die reine PR sind in der modernen Netzwerkgesellschaft nur noch ein Modell mit alten Fußnoten. Die Erklärung, die meisten Journalisten wären vor allem wegen der wesentlich stattlicheren Entlohnung für ähnliche Leistungen in die PR abgewandert, halte ich inzwischen für sehr kurz gegriffen. Oft wird die Arbeit dort auch anders geschätzt. Sie wird noch kritisch reflektiert. PR-Kunden erwarten oft ein höheres Maß an Gründlichkeit und Reife der publizistischen Produkte als die vom unverstandenen Wandel getriebenen Redaktionen der Presse.

Noch viel schlimmer finde ich es aber, in der aktuellen Cicero-Ausgabe zu lesen, mit welcher Arroganz Spin Doktoren, hier Berliner Puppenspieler genannt, über ihren Job und die Leichtigkeit reden, Journalisten selbst in den heiligen Hallen der Politik- und Wirtschaftsressorts der großen Leitmedien wie Champignons zu halten: schön im Dunkeln und nur mit Mist füttern.

Der Journalismus gibt sich gerade träge und vollgefressen von fetten Jahren der Presserabatte, V.I.P.-Einladungen und Akkreditierungen dem Lauf der Dinge hin. Er schleicht wie eine Katze zwischen Abfallresten und Gönnern, torkelt frustbetrunken von Feier zu Feier, wo sie noch auf Upper-Class-Partys etwas Bedeutung als Journalisten tanken können. Und dann wirft sich der Journalismus den einstigen Wölfen der PR wie ein läufiges Lamm vor die Beine.

Als wären ihre Vorbilder nicht die knallharten Reporter wie einst bei SPIEGEL, Zeit und Monitor gewesen, sondern die Hochglanz-Journalisten in „Gute Zeiten – schlechte Zeiten“.

Wo sind sie hin, die Hartgesottenen, die sachlichen Konflikten mit Franz-Josef-Strauß Stand hielten wie der verstorbene Journalist Claus Hinrich Casdorff. Was ist aus dem charmanten Biss geworden, mit dem Sandra Maischberger früher bei N-TV sogar politisches Granitgestein wie Helmut Kohl und Helmut Schmidt in den journalistischen Schwitzkasten nahm?

Die geplante Schließung der Journalistik an der Universität Leipzig und die Ignoranz dessen seitens der großen deutschen Medienmacher sprechen Bände. Ebenso das Desinteresse gegenüber der drastischen Presse-Einschränkung bei den Kollegen im EU-Land Ungarn. Wo bleibt da die Macht der Medien? Wo sind sie hierzulande hin, die mutigen Journalisten, die jahrelang eine gesunde Opposition waren und eine Wasserwaage der Demokratie statt Lanze der Lobbyisten?

Sie haben sich in Bücherregalen zwischen Millionen Ego-Gräbern selbst verewigt und schreiben wie Albrecht Müller in „Die Meinungsmacher“ über die „Bananenrepublik Deutschland“, in der uns Wirtschaft, Politik und Medien das Denken abgewöhnen. Oder der mutige Roberto Saviano, der im faktenbasierten Polit-Thriller „Gomorrha“ die Machenschaften von Mafia und Politik entblößt.

Nur weder erreichen noch bewegen solche Bücher ein Massenpublikum, wie es freie Massenmedien mal konnten. Und wie nötig wir das hätten. Wir schauen nach Ungarn, nach China oder Tunesien und sehen herbe Einschränkungen der Pressefreiheit und merken im Vergleich nicht einmal, wie Deutschland allmählich zur Scheindemokratie wird, in der Wirtschaftsbosse regieren, Politiker zu Vasallen und Journalisten zu Hofberichterstattern oder gar Hofnarren werden. Das mag überdramatisiert klingen, ist aber nicht nur geografisch zumindest nah dran. Die Trommeln müssen lauter werden.

Die wenigen kritischen, denkfähigen und mutigen Journalisten gewinnen wie Frank Plasberg als schillernde Lebend-Beweise für eine vom unbemerkten Aussterben bedrohte Art immerhin zwischen Entertainment-Formaten medienwirksam Preise. Wenn er doch nur intellektuelle Junge werfen würde…

Das bedeutsame Netzwerk Recherche – ein Verein, der den Qualitätsjournalismus in Deutschland erhalten will – hat in der digitalen zweiten Welt von jedermann, Facebook, bisher kaum Freunde. Ich bin ja gespannt, wer in 20 Jahren die Tagesschau, die Süddeutsche Zeitung, die FAZ und das heute-Journal redaktionell abdecken wird. Und wer die Agenda bestimmt.

Aber „so what?“. 20 Jahre, wer kann das schon sagen? Vielleicht sollten wir einen der tausenden Spin-Doktoren und PR-Berater fragen, die wie Wahrsager von Jahrmarkt zu Jahrmarkt ziehen. Bleiben wir konstruktiv.

Wir hätten die Sicherheit, in 10 oder 20 oder auch 50 Jahren stets mit Qualitätsjournalismus informiert und aufgeklärt zu werden. Wir müssten lediglich mehr in die Ausbildung und Weiterqualifizierung stecken. Wir müssten uns auf den Pressekodex besinnen und unsere Verantwortung. Wir müssten gute Recherche belohnen. Wir müssten für Qualität zahlen. Das machen wir doch bei Entertainment auch. Ich habe mir letzte Woche die Cicero und die brand.eins gekauft. Macht zusammen knapp 15 Euro. Das ist ein Abend alkoholfrei und eine Woche rauchfrei. Das ist einmal weniger Kino. Das ist einmal mehr Bahn fahren statt Auto oder mit Mitfahrgelegenheiten. Vernünftig. Machbar.

Und warum ich mir keine Tageszeitung gekauft habe, das dürfen Sie jetzt erraten. Ich helfe Ihnen. Neugier und Skepsis sind der Antrieb guter Journalisten, hat Michael Haller uns gelehrt. Das Handwerk ist der Schlüssel für Qualität. In einer Zeit, in der Journalisten Medienmacher sind und fast alles können müssen, ist eines besonders wichtig: zu differenzieren. Nicht alles hinnehmen und pauschal betrachten. Deshalb sehe ich im Internet eine große Chance. Nicht nur Wikileaks zeigt, wie weltweit immer mehr Menschen aus ihrem komatösen Zustand aufwachen und nach Wahrheit statt Dichtung suchen. Zeit für Revolutionen. Auch für den Qualitätsjournalismus.



*Henryk Balkow M.A. ist seit seinem 17. Lebensjahr freier Journalist für Tageszeitungen, Nachrichtenagenturen und Fernsehen mit Lebensmittelpunkt in Erfurt. Hier hat der Medienexperte eine eigene Nachrichtenagentur, ames Medien, gegründet. Er studierte in der Thüringer Landeshauptstadt Staatswissenschaften und Kommunikationswissenschaft. Inzwischen klärt der 30-jährige an Universitäten und Akademien in Berlin, Leipzig, Erfurt und Ilmenau in Praxis-Seminaren als Lehrbeauftragter für Journalismus, Mediensystem, PR und Kommunikation auf. Bei der Thüringer Landesmedienanstalt ist Henryk Balkow ehrenamtlich Vorsitzender im Ausschuss für Programmaufsicht und Jugendschutz sowie Mitglied im Ausschuss für Medienkompetenz und Bürgermedien. Beim junge medien thüringen – junge presse thüringen e.V. bildet er seit zehn Jahren den Mediennachwuchs aus. Zur Zeit promoviert er zudem an der Friedrich-Schiller-Universität Jena in der ökonomischen Netzwerkforschung.

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Written by Henryk Balkow

Februar 12, 2011 um 3:41 pm

Veröffentlicht in Uncategorized

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