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Spannung ohne Spaltung – Wiederveinigung: 1. Alumnitreffen der Erfurter Staatswissenschaften mit Schwerpunkt „Annäherung“ nach 20 Jahren politische Wende

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Staatswissenschaften 1. Alumnitreffen in Erfurt

ERFURT. 03. Oktober 2010.

Deutschland feiert 20 Jahre Einheit, die Erfurter Staatswissenschaften feierten am Wochenende 10 Jahre interdisziplinäres Denken. Damit die Denkrichtungen aus einem Jahrzehnt Studium und Lehre auch im Handeln wirksam werden, trafen sich in Erfurt ehemalige und aktuelle Lehrende mit einstigen Studierenden zum 1. großen Alumnikongress. von Henryk BALKOW

Dabei ging es nicht um das „Who is who“ und „Wer macht was“, sondern den Erfahrungs-und Gedankenaustausch zu aktuellen Herausforderungen von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Thüringens Wirtschaftsminister Matthias Machnig (SPD) bekräftigte mit Blick auf die USA, wie wichtig ehemalige Studierende auch für die künftige Entwicklung seien. Universitäten dürften keine Drehtüren seien, sondern sollten durch die Vernetzung der Jahrgänge eine Marke mit Orientierung hinterlassen, so Machnig weiter. Prof. Dr. Hermann-Josef Blanke von der Staatswissenschaftlichen Fakultät formulierte eine Verpflichtung der ehemaligen Studierenden gegenüber ihrem einstigen Lernort.

Machnig sprach von bevorstehenden Modernisierungsaufgaben in Deutschland, die nicht nur die Wirtschaft, sondern mit Blick auf fatale Irrtümer von Wirtschafts-Nobelpreisträgern auch die Wissenschaft beträfen. Die Wirtschaft brauche sinnvolle Regeln.

Gerade die Erfurter Staatswissenschaften haben sich vor zehn Jahren vorgenommen, diesen gesellschaftlichen Wandel durch den interdiszplinären Ansatz zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik mitzugestalten, indem sie Menschen auf die damit verbundenen Aufgaben vorbereiten.

„Die rund 100 Teilnehmer des Alumni-Treffens sind teilweise in die Wissenschaft, Politik oder Wirtschaft gegangen. Sie sind heute Leistungsträger und Mitgestalter. Dieser Austausch und die Rückbesinnung auf unsere Werte, die im Studium gereift sind, sind der Grundgedanke unseres Kongresses“, erklärt Mitveranstalter Fabian Disselbeck. Deshalb wurden neben der Vernetzung auch konkrete Themen auf die Agenda gesetzt, über die man hier offen diskutiere. Im Panel „20 Jahre ein Land – wer nähert sich wem an“, moderiert von Journalist Sergej Lochthofen, waren sich die Experten einig, dass die politische Integration von BRD und DDR funktioniert habe, es aber kulturell immer noch Unterschiede gibt, weil einerseits Medien diese immer wieder anschieben und „zudem in den neuen Bundesländern bei der Wiedervereinigung kulturell der bürgerliche Boden gänzlich entzogen wurde“, betonte Prof. Dr. Gerhard Wegener von der Universität Erfurt. Dieser Flurschaden sei noch nicht überbrückt.

„Es war meiner Ansicht nach auch ein großer Fehler, die Industrieforschung der DDR platt zu machen“, ergänzte Thüringens Wirtschaftsminister – ursprünglich aus dem Sauerland stammend. „Die neuen Bundesländer mussten nach Jahrzehnten Verostlichung durch die UDSSR plötzlich eine komplette Verwestlichung einhergehend mit der Globalisierung verkraften“, erinnerte im Podium Dr. Joachim Zweigert vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut HWWI. Dies sei ein Grund für die innere Spaltung Deutschlands. Indes beklagte Jürgen Aretz, ehemaliger Staatssekretär im Thüringer Wissenschaftsministerium, dass noch heute Probleme aktuellen Regierenden zur Last gelegt werden, deren Wurzel eigentlich in einer katastrophalen Regierung der SED liegen.  Hinzu sei eine Modernisierungsblockade der BRD gekommen, ergänzte Soziologe Prof. Dr. Frank Ettrich von den Erfurter Staatswissenschaften. „Um das ungeheure Projekt Wiedervereinigung zu schaffen, wurde das alte BRD-System so erhalten und politisch im Osten integriert, ohne das Experiment als Chance der Modernisierung zu wagen“. Diese inneren Modernisierungsprozesse müssten nun nachgeholt werden und seien unbequem. Die oft strapazierten Unterschiede zwischen Ost und West, so das Podium, seien kulturell nur eine Frage der Generationen, denn die jüngeren Jahrgänge wie jene der Staatswissenschafts-Studierenden denke nicht mehr in Ost und West. Es gebe sehr wohl Unterschiede, wie es sie auch schon vor mehr als 20 Jahren zwischen Bayern und Westfalen gegeben habe. Dies sei sogar eine Stärke von Deutschland. Man werde jetzt auch noch europäischer und internationaler, aber habe regionale Profile. Diese Prozesse, so Machnigs Wunsch zum Schluss, erforderten ein anderes Miteinander: offen und redlich.

Podium des Staatswissenschaften-Alumni-Treffens in Erfurt

In einem weiteren Panel diskutierten Dr. Alexandra Scheele von der Universität Potsdam, Prof. Dr. Dr. Jürgen Backhaus von den Erfurter Staatswissenschaften sowie Prof. Dr. Müller zu Möglichkeiten moderner Emanzipation zwischen Beruf und Familie. Backhaus bekräftigte als Finanzwissenschaftler, welches Potenzial eine andere Rollenverteilung von Mann und Frau gesellschaftlich und wirtschaftlich haben könnten. Frauen hätten ihre Rolle zwischen Beruf und Familie schon geklärt, die Männer aber noch nicht, erklärte Scheele.

Der Austausch zu Zeitgeist und Herausforderungen soll nun im Alumni-Netzwerk der Erfurter Staatswissenschaften kontinuierlich fortgsetzt werden, so Disselbeck. In einem jüngst gegründeten Verein werde es dafür auch Regionalgruppen geben.

Internet-Tipp:  http://www.alumni-staatswissenschaften.de/ und http://www.staatswissenschaften.de/

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Written by Henryk Balkow

Oktober 4, 2010 um 12:25 am

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