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Der Preis ist heiß oder: Die letzten beißen die Hunde

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Ob Prophezeiung oder Wunschdenken, das Titelthema des diesjährigen Medientreffpunkts Mitteldeutschland (MTM) spiegelte neben allem Zweifel der vergangenen Jahre auch berechtigte Hoffnungen wider. Mit „Preis schlägt gratis“ als Formel klingt das irgendwo zwischen plump und plakativ und somit weit weg von journalistischer Qualität, die in so ziemlich jedem Podium des MTM auf den Tisch kam. Von Henryk Balkow

Die Gretchenfrage, wer das nun alles bezahlen, ist nach jahrelanger Wahrsagerei in den Podien des MTM seit diesem Jahr etwas klarer geworden. Das ist zum einen den technologischen Weiterentwicklungen der Medienindustrien zu verdanken und 2. den gereifteren Erfahrungswerten, wie die verschiedenen Zielgruppen und Generationen welche Medieninhalte verlangen, annehmen und (wie) bezahlen. Konstruktiv klangen in vielen Podien schlüssige Lösungsmodelle an. Der überhebliche Tonfall aus den Chefredaktionen in den Elefantenbeintürmen ist nach der für sie überraschenden Internetrevolution demütiger geworden. Der Nutzer wird auf gleicher Augenhöhe als Partner empfunden, nicht mehr als unmündiger Zuschauer und Leser. Aber auch diese Aussage möchte ich nicht pauschalisieren. Natürlich gibt es Unterschiede. Es zeichneten sich in den Diskussionsrunden die digitalen und sozialen Spalten ab, die es auch außerhalb des MTM gibt. Und so wird es in der Medienentwicklung Gewinner und Verlierer geben. Früher mag das eine Frage des Geldes gewesen sein. Gutes Geld macht heute aber kein gutes Programm mehr, sondern Einfallsreichtum, Exklusivität, Relevanz und Nähe. Die Technologien zur Produktion von Medieninhalten werden immer billiger.  Immer mehr Bürger werden auch in Zukunft ihre Meinungen, Gedanken und pures Entertainment vielfältig produzieren und über das Internet verbreiten. Sender, Programme, Zeitungen und Portale, die ihre Nutzer ernst nehmen, mutig und clever sind und zuverlässig auf Qualität, werden aus dieser Entwicklung stark genug hervorgehen um zu überleben. Die letzten beißen die Hunde. Natürlich werden Mediennutzer für bestimmte, nützliche Leistungen Geld zahlen. Aber sie haben eine große Auswahl. Der Preis ist da eher heiß. Intelligente Diversifikation am Puls der Nutzer ist die eigentliche Überlebensstrategie. Es geht nicht nur um Geschwindigkeit im Internet. Neue Studien wie die von Prof. Dr. Michael Haller lehren uns, wie oft wir uns in Internet-Nutzern täuschen und dass es sich lohnt, nicht zu pauschalisieren, sondern mit Gründlichkeit zu differenzieren.  Die Altersgruppe unter 30 und die darüber haben ein sehr unterschiedliches Medienverhalten, das wir nicht einfach so umerziehen können. Ob über Abo, Micropayment oder Apps oder lokale Zusatz-Services – der Nutzer möchte sinnvolle Angebote, die zu ihm passen. Das Internet liefert sowohl der Marktwirtschaft als auch den Redaktionen wie nie zuvor Informationen darüber, was er wann und wo will. Alles beginnt mit dem Zuhören, auch im Journalismus.

Offener bleibt dagegen noch die Frage, wie bei der Erstellung von journalistischen Medieninhalten die Aufgabenverteilung aussehen wird. Setzt sich das Newsdesk nun durch? Und in welcher Form? Recherchieren Journalisten in Zukunft nur noch von Festplatten und Telefonen aus oder haben wir wieder Zeit, vor Ort zu recherchieren? Müssen Journalisten in Personalunion recherchieren, schreiben, fotografieren, Videos drehen und schneiden und am besten nebenbei noch eine Anzeige und Reisen verkaufen? Nein, sagen selbst Unternehmensberater und Controller, die allgemein hin von Chefredaktionen auch gern auf vergangenen MTMs Plattmacher genannt wurden. Denn, der Logik folgend, dass die Überlebensstrategie unter den vielen und immer leichter zugänglichen Medienangeboten intelligente Diversifikation ist, überleben nur jene Medienangebote, die gute Inhalte liefern. Überforderte, frustrierte, im Büro gefesselte Redakteure liefern wie die Sau durchs digitale Dorf gejagt abgepackte Wurstwaren statt saftigen Steaks. Die im Pressekodex verankerte Rollentrennung in den Medien hatten sich offensichtlich nicht nur die Medienregulierer und Idealisten überlegt, sondern auch die Macher, die mal so gute Blätter gemacht haben, dass sie morgens an der Straßenecke gekauft wurden. Und auch damals hatten die Bürger schon Alternativen. Vielfalt ist keine Gefahr, sondern eine Herausforderung. Und für jene mit Verstand und Bodenhaftung sogar eine Chance.

Eine große Hoffnung kann hier der Mediennachwuchs sein. Er wächst nicht mehr mit dem journalistischen Handwerk, dem Pressekodex und den Bestandsstrukturen der Medienbranche auf. Er wächst mit dem Internet auf, mit technischen und inhaltlichen Kompetenzen in der Mediennutzung und Medienproduktion, die Medienmacher der Bestandsmedien teilweise kaum verstehen, manchmal an ihn verzweifeln und einige sogar zerbrechen. Diese Generation kann uns ergänzen. Zum Treffpunkt Mediennachwuchs im Rahmen des MTM sind sie mittendrin gewesen. Mit anderen Augen, einer anderen Sicht, aber großer Neugier und Tatendrang. Beim junge medien thüringen e.V. versuchen wir dies, wie auch mit unserem Besuch beim MTM, zu kanalisieren und zu vernetzen. Und unser Netzwerk ist kein Elefantenbeinturm oder verkrustete Seilschaften in und zwischen Bestandsmedien und Politik. Hier wurde die Internetrevolution von Anfang als Chance in einer Demokratie verstanden, mitzugestalten. Die Zeiten fester Strukturen, die sich schützen und abschotten lassen sind dem Internet sei Dank vorbei. Wo früher verschlossene Türen und ungerechte Verteilung herrschten, sind heute offene, dynamische Bindungen, die sich immer wieder frisch verlinken und Ideen verwirklichen. Der Inbegriff einer multimedialen Netzwerkgesellschaft mit einer ganz neuen Öffentlichkeit. Wer jetzt noch im Elefantenbeinturm sitzt und an seinen Bestandsstrukturen klammert, ist morgen keine Konkurrenz mehr, sondern Hundefutter.

Presse-Foto: Medientreffpunkt Mitteldeutschland

*Henryk Balkow M.A. ist seit seinem 17. Lebensjahr freier Journalist für Tageszeitungen, Nachrichtenagenturen und Fernsehen mit Lebensmittelpunkt in Erfurt. Hier hat der Medienexperte eine eigene Nachrichtenagentur, ames Medien, gegründet. Er studierte in der Thüringer Landeshauptstadt Staatswissenschaften und Kommunikationswissenschaft. Inzwischen klärt der 30-jährige an Universitäten und Akademien in Berlin, Leipzig, Erfurt und Ilmenau in Praxis-Seminaren als Lehrbeauftragter für Journalismus, Mediensystem, PR und Kommunikation auf. Bei der Thüringer Landesmedienanstalt ist Henryk Balkow ehrenamtlich Vorsitzender im Ausschuss für Programmaufsicht und Jugendschutz sowie Mitglied im Ausschuss für Medienkompetenz und Bürgermedien. Beim junge medien thüringen – junge presse thüringen e.V. bildet er seit zehn Jahren den Mediennachwuchs aus. Zur Zeit promoviert er zudem an der Friedrich-Schiller-Universität Jena in der ökonomischen Netzwerkforschung.

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Written by Henryk Balkow

Mai 6, 2011 at 10:44 am

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Treibjagd der Medien – Wenn Berichterstattung Schicksal spielt

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Es ist der 1. März in Berlin. Um 11.15 Uhr tritt der amtierende Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) vor die aufgewühlten Medienvertreter. Bereits im Vorfeld ließen Bild und DPA verlauten, dass er hier nur seinen Rücktritt erklären könne. Ein entsprechendes Gesuch läge der Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits vor. Diese Pressekonferenz ist das traurige Ende einer wochenlangen Ausschlachtung in den Medien und der Gesellschaft. Er habe die Grenzen seiner Kräfte erreicht, erklärt zu Guttenberg. Die große Hoffnung der schwarz-gelben Bundesregierung nimmt damit ihren Hut und das Schicksal in die eigene Hand.

Von Andy DIETRICH

Am 16. Februar 2011 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung einen Bericht, in dem der Bremer Juraprofessor Andreas Fischer-Lescano, ein bekennender Guttenberg-Kritiker, behauptete, dass ein Großteil der Doktorarbeit des Verteidigungsministers aus Plagiaten bestehe. Damit beruft sich die Münchner Tageszeitung in Zusammenarbeit mit Prof. Fischer-Lescano auf eine Veröffentlichung des Professors in „Kritische Justiz“, Nr. 1/2011, die in diesen Wochen noch nicht einmal erschienen war. Der Jurist spricht im Zeitungsbericht von „dreisten Plagiaten“ und „Täuschung“ und kritisiert zu Guttenberg aufs Schärfste. Den sauberen Grundsatz einer fairen Recherche, der im Pressekodex des Deutschen Presserates festgelegt wurde, übergeht die Süddeutsche Zeitung im Anschluss. Die einseitige Berichterstattung sah lediglich die O-Töne des Juraprofessors, aber nicht des Verteidigungsministers vor. Der Artikel, der eine hohe Resonanz der Bevölkerung erhielt, verstößt gegen alle Ehren des Journalismus.

Es entflammt eine öffentliche Diskussion, die zu Guttenberg nie gewinnen konnte. Bei einer Konferenz, die er im Anschluss an den Süddeutsche-Artikel einberuft, berichtet er von möglichen Versehen in seiner Dissertation. Der Münchner Politiker schließe eigene Fehler nicht aus, doch halte er die Vorwürfe für abstrus. Die Medien dankten ihm nicht für die andere Seite der Darstellung. Stattdessen hielten sie weiter an den Vorwürfen fest und verstärkten ihre Antihaltung durch einseitige Berichte und Reportagen. Es schien, als kämpfe der Verteidigungsminister nun nicht mehr mit seinen Soldaten in Afghanistan, sondern ganz allein in Deutschland gegen die Medienlandschaft und sämtliche Oppositionelle.

Karl-Theodor zu Guttenberg hatte mit seiner Dissertationen einen Fehler begangen, das stellt sich dann am 18. Februar 2011 endgültig heraus. Er legt seinen Doktortitel ab und erklärt vor der Presse, dass er die eingeleitete Untersuchung der Universität Bayreuth und deren erwartete Klärung abwarten werde. Dieser Schritt wird von den Medien als Methode deklariert, unbeschadet aus der in Zukunft „Plagiatsaffäre“ genannten Sache herauszukommen. Die Berichterstattung läuft weiter, sie wertet und richtet ohne Beachtung sämtlicher Grundsätze ihrer Arbeit.

Inzwischen ist auch die Internet-Community an der Treibjagd beteiligt. Der sogenannte „GuttenPlag Wiki“, ein Zusammenschluss mehrerer Guttenberg-Gegner im Internet, der sich am 17. Februar gründete, deckt Tag für Tag mehr Seiten in der Dissertation auf, die Plagiate enthalten. In einer Erklärung am Tag des Rücktritts des Verteidigungsministers erklärt die Community, dass auf 82% der Seiten der Doktorarbeit Plagiate enthalten sein sollen. Die F.A.Z. bezeichnet diesen Zusammenschluss im Internet als wohl bekannteste Internetgemeinde der heutigen Zeit, Spiegel Online spricht von dem Paradebeispiel für die Macht der Masse.

Am 18. Februar, also zwei Tage nach Bekanntwerden der Plagiate, sterben in Afghanistan zwei deutsche Soldaten, sieben weitere werden verletzt, einige schwer. Zu Guttenberg zeigt sich mit tiefer Trauer, doch die Medien interessiert das nicht. Während der Erklärung zu den Plagiatsvorwürfen meint der Verteidigungsminister, er trage die Verantwortung für die Soldaten im Einsatz, wie ein Ereignis am heutigen Tage wieder einmal bitter beweist. Doch der Fokus der Berichterstattung kann davon nicht abgelenkt werden. Anstatt das Schicksal von neun Soldaten zu betrauern, bezieht sich der deutsche Journalismus weiter auf die Plagiate. Es ist das traurige Hoch der einseitigen Berichterstattung.

In den hektischen Tagen scheint zu Guttenberg nur einen Freund in den Medien zu haben, die ach so mächtige Bild-Zeitung. Die Konkurrenzmedien nutzen diese Verbindung aus und kritisieren die Berichterstattung des Springer-Erzeugnisses lauthals und offenkundig. Spiegel Online, die generell die reißerische Berichterstattung der Bild anprangern, schreiben nach zu Guttenbergs Rücktritt „Keine Rettung trotz Schlachtschiff-Hilfe (Bild-Zeitung, Anm. der Redaktion)“. Tagesspiegel.de nimmt die Verbindung sogar als Aufmacher für einen Bericht und berichtet: „Gegen die Macht des Internets kam selbst die Bild nicht an“. Die Medien feiern „GuttenPlag Wiki“ als Sieger über den Boulevard-Journalismus.

Die Medienlandschaft versucht, ihren einseitigen Journalismus zu erklären, ja sogar zu verteidigen. Sie nutzen die Internetbewegung als Ansatz für ihre Berichterstattung und reden vom Gewinn der breiten Masse, der herausragenden Arbeit der Deutschen und sogar dem Triumph der Masse gegen die so mächtige Bild-Zeitung. Doch gespeist werden diese Meinungen doch aus den Medien. Die Journalisten setzen den Fokus gezielt auf „GuttenPlag Wiki“, um sich von dem Vorwurf der einseitigen Berichterstattung zu lösen. Den Rückhalt der Deutschen in puncto zu Guttenberg und die Unterstützung und Solidarität sehen sie dabei nicht. Ein prägendes Beispiel: Die Gruppe „Wir wollen Guttenberg zurück“ hat am 1. März um 23.50 Uhr, also rund 13 Stunden nach dem Rücktritt, bereits 268.368 Mitglieder, Tendenz stark steigend. Im Forum herrschen hitzige Diskussionen, in denen unter anderem auch Begriffe wie „Hetzjagd“ und „Schande“ fielen. Die Mitglieder rufen auf zu Massenmails und freier Meinungsäußerung. Es bleibt abzuwarten, wie lang die Medien darüber schweigen können.

Es ist verherrlichende Meinungsmache, die auch in Konkurrenz zur Bild tritt. Die Anti-Guttenberg-Stimmung ist allumfassend. Die sogenannten Gatekeeper prägen das öffentliche Bild, sie vertreiben einen begabten und beliebten Politiker aus dem Amt. Zu Guttenberg, der eine saubere Arbeit als Verteidigungsminister auch jenseits der Erwartungshaltungen lieferte, stets von seinen Soldaten sprach und auch mit dem Ellbogen arbeitete, ist das moderne Opfer der Medien. Ein prägendes Beispiel für die Missachtung des Pressekodex. Teilt sich das Medienecho doch auf in Sensationsberichterstattung, Ehrverletzung und einseitige Recherche. Das Opfer ist ein beliebter Politiker, der für viele als Leitbild einer neuen politischen Kultur galt. Mutmaßend könnte sogar gesagt werden, der Freiherr zu Guttenberg sei zu mächtig geworden, doch von solchen Aussagen distanziert sich dieser Kommentar. Er mag sich nicht anhängen lassen, dass er den Pressekodex nicht achtet und erst recht nicht, er kooperiere mit der Bild. Doch er sagt sich los vom Spiegel, der F.A.Z., der Süddeutschen und den anderen Erzeugnissen, die Hand in Hand einen Politiker fällten. Und das, obwohl sie doch nur die Bild-Zeitung übertrumpfen wollten.

* Andy Dietrich war bereits während seiner Schulzeit klar, dass die Medien auf ihn warten. Mit 15 Jahren hatte er seine erste Publikation in einer Tageszeitung, mit 17 ging er bereits zu ersten Presseterminen. Während seines Studium der Germanistik und Sozialwissenschaften an der Universität Erfurt lernte er als freischaffender Journalist die breiteVielfalt des Berufsfeldes kennen. Inzwischen arbeitet Andy Dietrich für diverse Tageszeitungen, Medienagenturen und Onlinemagazine. Nebenbei erklärt er in Universitätsseminaren, welche Kniffe und Tricks ein Journalist beherrschen sollte und was dabei vor allem zu beachten ist. Seit inzwischen zehn Jahren bildet er weiterhin beim „junge medien thüringen – junge presse thüringen e.V.“ den Thüringer Mediennachwuchs aus. Ehrenamtlich, versteht sich.

Written by Henryk Balkow

März 2, 2011 at 10:38 am

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Einen „Brennpunkt“ für den Journalismus, bitte

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Vor wenigen Wochen entfachte in Tunesien eine Weltrevolution. Trotz teurer, gebührenfinanzierender Rundfunk-Medien mit großartigen Korrespondenten-Netzen haben wir den hoffentlich kommenden Domino-Effekt fallender eiserner Vorhänge zunächst lange verschlafen. Es wurde weiter munter gekocht, fremdgeschämt und geschunkelt. Das Problem sind nicht die Öffentlich-Rechtlichen, sondern der allgemeine Selbstaufgabe einer einst so wichtigen und kämpferischen Zunft.

Von Henryk BALKOW

mediennachwuchs

Generation Network: Der Mediennachuchs ist aktiver und kritischer als oft geglaubt. Was fehlt, sind mehr gute Vorbilder.

Als „Artillerie der Freiheit“ hat der einstige Außenminister Hans-Dietrich Genscher die Presse bezeichnet. Damals waren Politiker noch unerschüttliche, kluge Menschen und keine halbgeistigen Marionetten. Damals haben sich Politiker noch nicht wie ein scheues Reh von den Medien durch den dunklen Blätter-Wald treiben lassen. Damals war alles besser? Mitnichten. Aber die neuen Möglichkeiten digitaler Medien blieben ungenutzt am Wegesrand von Journalistenkarrieren zwischen Bedeutungssuche im Blatt und Aufmerksamkeit in V.I.P.-Kreisen liegen in dem Glauben, das gehe wieder vorbei, bis die Rente kommt. Stiefmütterlich verspielen wir, indem wir das zulassen, unsere weltweit einzigartige Pressefreiheit, die Generationen vor uns über Jahrhunderte hart erkämpft und mit vielen Opfern bezahlt haben.

Journalismus, der unabhängig und kritisch mit einem leichten Hauch von Anarchismus politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Prozesse begleitet und die Menschen zum aufgeklärten Denken und Handeln befähigt, ist Geschichte – und zwar nicht im Blatt.

Nein, wir „Chronisten“ finden solche Vorbilder beinahe nur noch in Büchern wie dem fantastischen Briefwechsel von Marion Gräfin Dönhoff und Dr. Gerd Bucerius. Schicksalhaft zweideutig heißt das Buch über die beiden Macher der ZEIT „Ein wenig betrübt, Ihre Marion“. Wenn die Gräfin wüsste, was aus dem Journalismus in Deutschland geworden ist. Wer dessen Sterbebett noch mal besuchen will, kann bald nach Leipzig pilgern. In der größten und europaweot besten Journalistenschmiede, der Journalistik an der Universität Leipzig, geht einer der ganz Großen. Michael Haller lehrte dort jahrelang, brachte nebenbei von Hamburg aus das selbstkritische Medienmagazin „Message“ heraus. Haller, der selbst lange für SPIEGEL und Zeit arbeitete, veröffentlichte mehrere Lehrbücher für Qualitätsjournalismus beim Verlag UVK Medien. Wie der letzte Mohikaner der schreibenden Zunft kämpfte er stets für die reine Lehre der Journalisten – oft belächelt oder übersehen von den praktizierenden Medienmachern.

Inzwischen hat fast jede Hochschule in Deutschland einen der trendigen IMM-Studiengänge im Bauchladen (Irgendwas Mit Medien). Die Erkenntnisse über Funktionieren, Qualität und Wirkung von Medieninhalten, die Studiengänge wie Medien- oder Kommunikationswissenschaften hervorbringen, wird von der PR gern wahr und ernst genommen, während die meisten Medienmacher noch betriebsblind in ihren Elfenbeintürmen sitzen. Journalisten sind aber keine exklusive Elite mehr, sondern Teil einer Netzwerkgesellschaft. Die fünf wesentlichen Elemente hat Don Tapscott in der aktuellen Ausgabe von brand.eins im Interview mit Steffan Heuer gut zusammengefasst. Aufgepasst Kollegen: Zusammenarbeit, Offenheit, Bereitschaft zum Teilen, Integrität und Interdependenz. Damit hat eine mutige Radiojournalistin dank facebook™ etwas angestoßen, das ohne Internet wohl für etliche Epochen undenkbar gewesen wäre. Das Internet ist nur ein Feind für jene, die Macht nicht teilen wollen. Also Anti-Demokraten.

Das Internet könnte auch die Chance sein, den Qualitätsjournalismus in Deutschland nicht nur zu retten, sondern zu revolutionieren. Es ist nur alles soviel. Der Wandel geht schneller als wir mitkommen. Eine Lüge macht weltweit schneller die Runde als die Wahrheit die Stiefel anziehen kann. Es hilft nur die Reduktion auf das Wesentliche. Wir müssen nicht alles machen, aber mindestens unser Handwerk. Das geht wie in der Mathematik nur über die Wurzel, die wir ziehen müssen. Das Internet ist dabei lediglich ein Instrument und weder ein böser Geist noch ein großes schwarzes Loch für journalistische Qualität.

Wir könnten gemeinsam das Maximum an Leser- und Zuschauernähe erreichen. Toll, oder? Das haben wir uns früher immer gewünscht und mit aufwendigen Leseraktionen herbeigerufen. Da hatten wir noch die Kontrolle. Aber jetzt? Was passiert da eigentlich? Und: Hat das nicht irgendjemand vorhergesehen wie bei der Weltwirtschaftskrise? Hinterher will wieder niemand etwas geahnt haben. Vergessen ist so leicht.

Rückblick: Altbundespräsident Horst Köhler wünschte sich vor seinem Amts-Abtritt, den viele Medienmacher mit ihrer oberflächlichen Arbeit herbeipubliziert haben, zum Abschied von der Presse „Haltung“ und „Ahnung“.

Jahre zuvor appellierte mit gleicher Kritik sein Vorgänger Altbundespräsident Rau bei seinem Abtritt an die Presse mit einem konkreten Wunschzettel beim Jahrestreffen des Netzwerk Recherche e.V. :

1. Journalisten brauchen eine gute Ausbildung,

2. guter Journalismus kostet Geld,

3. Journalisten müssen unabhängig von ökonomischen Interessen sein,

4. Journalisten brauchen einen eigenen Kopf,

5. Journalisten müssen Zusammenhänge erkennen,

6. Journalisten müssen einen Standpunkt haben,

7. Journalisten sind Beobachter, nicht Handelnde,

8. Journalisten sollen die Wirklichkeit abbilden,

9. Journalisten tragen Verantwortung für das, was sie tun.

Neun einfache, sinnvolle Gebote, die er uns hinterlassen hat. Und wer da ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. Aber bitte nicht immer in die gleiche Richtung.

Wir holen bei solchen Debatten gern die BILD aus dem Schrank und watschen sie ab. Aber können wir bitte mal über die Märkische Oderzeitung reden oder den RBB oder den MDR? Wer sich das mit Verstand anschaut, versteht den Versorgungsauftrag aus dem Rundfunkstaatsvertrag nicht mehr und muss zwangsläufig bei der Lektüre von Albrecht Müllers „Meinungsmache“ zum Verschwörungstheoretiker werden.

Wenn nicht die BILD für solche Erklärungen herhalten muss, wird die die PR gern ausgeschlachtet. Keine Frage, die hat den Wandel verstanden und ihre Hausaufgaben gemacht. Aber ist die PR Schuld, wenn der Journalismus ohne seine Hausaufgaben in die Schule kommt und dann schlechte Noten einfängt und nicht versetzt wird?

Wie viele andere freie Journalisten habe auch ich mich mit PR-Aufträgen kofinanziert. Kein Problem. Wir Journalisten mussten schon immer im Denken und Handeln differenzieren können. Heute ist alles vernetzt. Der reine Journalismus oder die reine PR sind in der modernen Netzwerkgesellschaft nur noch ein Modell mit alten Fußnoten. Die Erklärung, die meisten Journalisten wären vor allem wegen der wesentlich stattlicheren Entlohnung für ähnliche Leistungen in die PR abgewandert, halte ich inzwischen für sehr kurz gegriffen. Oft wird die Arbeit dort auch anders geschätzt. Sie wird noch kritisch reflektiert. PR-Kunden erwarten oft ein höheres Maß an Gründlichkeit und Reife der publizistischen Produkte als die vom unverstandenen Wandel getriebenen Redaktionen der Presse.

Noch viel schlimmer finde ich es aber, in der aktuellen Cicero-Ausgabe zu lesen, mit welcher Arroganz Spin Doktoren, hier Berliner Puppenspieler genannt, über ihren Job und die Leichtigkeit reden, Journalisten selbst in den heiligen Hallen der Politik- und Wirtschaftsressorts der großen Leitmedien wie Champignons zu halten: schön im Dunkeln und nur mit Mist füttern.

Der Journalismus gibt sich gerade träge und vollgefressen von fetten Jahren der Presserabatte, V.I.P.-Einladungen und Akkreditierungen dem Lauf der Dinge hin. Er schleicht wie eine Katze zwischen Abfallresten und Gönnern, torkelt frustbetrunken von Feier zu Feier, wo sie noch auf Upper-Class-Partys etwas Bedeutung als Journalisten tanken können. Und dann wirft sich der Journalismus den einstigen Wölfen der PR wie ein läufiges Lamm vor die Beine.

Als wären ihre Vorbilder nicht die knallharten Reporter wie einst bei SPIEGEL, Zeit und Monitor gewesen, sondern die Hochglanz-Journalisten in „Gute Zeiten – schlechte Zeiten“.

Wo sind sie hin, die Hartgesottenen, die sachlichen Konflikten mit Franz-Josef-Strauß Stand hielten wie der verstorbene Journalist Claus Hinrich Casdorff. Was ist aus dem charmanten Biss geworden, mit dem Sandra Maischberger früher bei N-TV sogar politisches Granitgestein wie Helmut Kohl und Helmut Schmidt in den journalistischen Schwitzkasten nahm?

Die geplante Schließung der Journalistik an der Universität Leipzig und die Ignoranz dessen seitens der großen deutschen Medienmacher sprechen Bände. Ebenso das Desinteresse gegenüber der drastischen Presse-Einschränkung bei den Kollegen im EU-Land Ungarn. Wo bleibt da die Macht der Medien? Wo sind sie hierzulande hin, die mutigen Journalisten, die jahrelang eine gesunde Opposition waren und eine Wasserwaage der Demokratie statt Lanze der Lobbyisten?

Sie haben sich in Bücherregalen zwischen Millionen Ego-Gräbern selbst verewigt und schreiben wie Albrecht Müller in „Die Meinungsmacher“ über die „Bananenrepublik Deutschland“, in der uns Wirtschaft, Politik und Medien das Denken abgewöhnen. Oder der mutige Roberto Saviano, der im faktenbasierten Polit-Thriller „Gomorrha“ die Machenschaften von Mafia und Politik entblößt.

Nur weder erreichen noch bewegen solche Bücher ein Massenpublikum, wie es freie Massenmedien mal konnten. Und wie nötig wir das hätten. Wir schauen nach Ungarn, nach China oder Tunesien und sehen herbe Einschränkungen der Pressefreiheit und merken im Vergleich nicht einmal, wie Deutschland allmählich zur Scheindemokratie wird, in der Wirtschaftsbosse regieren, Politiker zu Vasallen und Journalisten zu Hofberichterstattern oder gar Hofnarren werden. Das mag überdramatisiert klingen, ist aber nicht nur geografisch zumindest nah dran. Die Trommeln müssen lauter werden.

Die wenigen kritischen, denkfähigen und mutigen Journalisten gewinnen wie Frank Plasberg als schillernde Lebend-Beweise für eine vom unbemerkten Aussterben bedrohte Art immerhin zwischen Entertainment-Formaten medienwirksam Preise. Wenn er doch nur intellektuelle Junge werfen würde…

Das bedeutsame Netzwerk Recherche – ein Verein, der den Qualitätsjournalismus in Deutschland erhalten will – hat in der digitalen zweiten Welt von jedermann, Facebook, bisher kaum Freunde. Ich bin ja gespannt, wer in 20 Jahren die Tagesschau, die Süddeutsche Zeitung, die FAZ und das heute-Journal redaktionell abdecken wird. Und wer die Agenda bestimmt.

Aber „so what?“. 20 Jahre, wer kann das schon sagen? Vielleicht sollten wir einen der tausenden Spin-Doktoren und PR-Berater fragen, die wie Wahrsager von Jahrmarkt zu Jahrmarkt ziehen. Bleiben wir konstruktiv.

Wir hätten die Sicherheit, in 10 oder 20 oder auch 50 Jahren stets mit Qualitätsjournalismus informiert und aufgeklärt zu werden. Wir müssten lediglich mehr in die Ausbildung und Weiterqualifizierung stecken. Wir müssten uns auf den Pressekodex besinnen und unsere Verantwortung. Wir müssten gute Recherche belohnen. Wir müssten für Qualität zahlen. Das machen wir doch bei Entertainment auch. Ich habe mir letzte Woche die Cicero und die brand.eins gekauft. Macht zusammen knapp 15 Euro. Das ist ein Abend alkoholfrei und eine Woche rauchfrei. Das ist einmal weniger Kino. Das ist einmal mehr Bahn fahren statt Auto oder mit Mitfahrgelegenheiten. Vernünftig. Machbar.

Und warum ich mir keine Tageszeitung gekauft habe, das dürfen Sie jetzt erraten. Ich helfe Ihnen. Neugier und Skepsis sind der Antrieb guter Journalisten, hat Michael Haller uns gelehrt. Das Handwerk ist der Schlüssel für Qualität. In einer Zeit, in der Journalisten Medienmacher sind und fast alles können müssen, ist eines besonders wichtig: zu differenzieren. Nicht alles hinnehmen und pauschal betrachten. Deshalb sehe ich im Internet eine große Chance. Nicht nur Wikileaks zeigt, wie weltweit immer mehr Menschen aus ihrem komatösen Zustand aufwachen und nach Wahrheit statt Dichtung suchen. Zeit für Revolutionen. Auch für den Qualitätsjournalismus.



*Henryk Balkow M.A. ist seit seinem 17. Lebensjahr freier Journalist für Tageszeitungen, Nachrichtenagenturen und Fernsehen mit Lebensmittelpunkt in Erfurt. Hier hat der Medienexperte eine eigene Nachrichtenagentur, ames Medien, gegründet. Er studierte in der Thüringer Landeshauptstadt Staatswissenschaften und Kommunikationswissenschaft. Inzwischen klärt der 30-jährige an Universitäten und Akademien in Berlin, Leipzig, Erfurt und Ilmenau in Praxis-Seminaren als Lehrbeauftragter für Journalismus, Mediensystem, PR und Kommunikation auf. Bei der Thüringer Landesmedienanstalt ist Henryk Balkow ehrenamtlich Vorsitzender im Ausschuss für Programmaufsicht und Jugendschutz sowie Mitglied im Ausschuss für Medienkompetenz und Bürgermedien. Beim junge medien thüringen – junge presse thüringen e.V. bildet er seit zehn Jahren den Mediennachwuchs aus. Zur Zeit promoviert er zudem an der Friedrich-Schiller-Universität Jena in der ökonomischen Netzwerkforschung.

Written by Henryk Balkow

Februar 12, 2011 at 3:41 pm

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Zurück zum Buschfunk – das Internet rüttelt am Elfenbeinturm der klassischen Medien

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STÄNDIG ONLINE: Kommende Generationen leben permanent in zwei Welten - auch wie hier der Nachwuchs beim Mitteldeutschen Medientreffpunkt in Leipzig.

 

Infotainment, Betroffenheitsjournalismus oder Promis vor langweilige Themen zu spannen – so leicht lassen sich die Mediennutzer von heute und morgen nicht mehr füttern. Die Unterschätzung jener Mediennutzer und die eigene Überschätzung lassen klassische Medien zu Dinosauriern werden, die bekanntermaßen die Evolution nicht überlebt haben. Die Lösung ist einfach und journalistisch: zuhören. Eine Streitschrift von Henryk BALKOW*

Anpassen heißt nicht verbiegen. Anpassung bedeutet, wie ein Fuchs die Umweltbewegungen erkennen und dann die richtigen Entscheidungen zu treffen. „Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden“, lehrte uns schon Sokrates. Nun sitzen an den entscheidenden Positionen Generationen, die in Vollbeschäftigung und Trägheit aufgewachsen sind, während jüngere Generation hoch motiviert, nah am Zeitgeist, vergebens mit den Hufen scharren. Was passiert da gerade in der deutschen Medienlandschaft?

Medienwandel und Medienkonvergenz

Die einen sehen es als Chance, die anderen als nervtötende Herausforderung, die beinahe zum Burnout einer ganzen Zunft führt. Das Internet hat die Mediennutzung revolutioniert. Der Nachrichtenwert „Aktualität“ wurde durch Social Communities, Online-Magazine, Twitter & Co. neu besetzt. Die Tageszeitungen kommen erst am kommenden Morgen hinterher. Die Fernsehnachrichten bringen durch die Abhängigkeit von Bildern und zeitraubender Postproduktion keine brauchbaren Nachrichten vor 18 Uhr. Das Internet ist schneller. Der Nachrichtenwert „Exklusivität“ nimmt ab, denn die Informanten finden zunehmend durch eigene Medienkanäle im Internet ihren Verbreitungsweg als Do-it-yourself-Medienproduzenten.

Die Nachrichtenwerte „Prominenz“, „Emotionalität“ und „Visualisierung“ nehmen hingegen zu, weil sie leicht verdaulich sind. Zudem glauben viele Journalisten immer noch, Prominenz würde ihre Artikel interessanter machen. Aber das Internet ist besser und wird den klassischen Medien auf diesen Feldern schneller Land rauben, als sie es merken werden. Indes verlieren sie ihre eigentlichen Kernkompetenzen aus den Augen. Der Nachrichtenwert „Regionalität“ nimmt ab, weil immer mehr Regionalmedien Höhenluft schnuppern wollen und statt den eigenen Lesern überregionale Bedeutung im Sucher haben. Hochmut kommt vor dem Fall. Und so schwindet auch der Nachwichtenwert „Relevanz“, denn immer mehr klassische Medien verlieren die Nähe zu ihren Konsumenten und damit Käufern. Journalistische Distanz hat ungesunde Blüten getragen. Nähe zu Themen und Lesern ist keine mangelnde Distanz, sondern überlebenswichtig. Nähe und Objektivität schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern lassen sich miteinander verbinden, nur ist es anstrengend. Im Lokalen und Regionalen geht es kaum anders, man trifft seine Akteure und Leser auf der Straße. Verantwortung hat hier ein Gesicht. Gleichzeitig schöpfen Journalisten hier auch Anerkennung, vielleicht nicht von Prominenten oder hoch dekorierten Politikern, dafür aber von wirklich relevanten Mitmenschen.

In einem Vortrag in Wiesbaden wies Harald Grönke, Geschäftsführer der Hessisch-Niedersächsisch Allgemeinen Zeitung (HNA) jüngst auf die Titelgeschichten von Ausgaben mehrerer überregionaler und regionaler Zeitungen an jenem Freitag hin. Alle machten mit dem Papst-Besuch in Großbritannien auf. Welche Relevanz hat das für Leser, Hörer und Zuschauer in Deutschland? Ist das wirklich ein Titelthema? Gern neigen sogar Regionalzeitungen dazu, überregionale Themen regional herunterzubrechen – was prinzipiell gut und wichtig ist – obwohl regional keine Relevanz für die Leser zu finden ist. Gern wird sie dann auch mal an den Haaren herbei gezogen. Dabei sollte hier die erste der drei grundlegenden Regeln im Journalismus greifen: 1. Themen finden statt erfinden, 2. Informationen verdichten statt dichten und 3. berichten statt richten.

„Relevanz, Relevanz, Relevanz…“ statt Vorgänger Markworts „Fakten, Fakten, Fakten…“da schließe Grönke sich dem neuen FOCUS-Chef Wolfram Weimer vollkommen an, sei jener Journalismus, der das Weiterexistieren dieser Zunft noch sichern könne. Bei der Flut an Informationen und emotionalen Reizen, denen heutzutage ein Mensch in der realen und der zweiten, also Internetwelt, ausgesetzt ist, zeigt dies eine große Schwäche, wie er meinte. Leser erwarten von ihrer Zeitung Selektion und Reduktion auf das Wesentliche. Dazu muss ein Medium seine Leser gut kennen, um Relevanz einschätzen zu können. Und da liegt der Kern des Problems. Während der Prügelknabe der Zunft, die BILD, unter dem Gelächter der „seriösen Zeitungen“ einen Leserbeirat gründet, der die Blattentwicklung mitbestimmt, brechen bei den Regionalzeitungen die Auflagen ein. Dabei ist die Auflage ohnehin nicht so wichtig, wie die interaktiv leicht messbare Reichweite – und die bestimmt auch zunehmend das Internet. Die Kosten für Reichweite bei der Übertragung von Inhalten via UKW-Frequenzen, Kabel, Satellit oder mühselig über Zeitungsdruck in der Nacht und Auslieferung können mit der schnellen, billigen Verbreitung durch das Internet nicht mithalten. Das ist nur leider in den Elfenbeintürmen vieler Chefredaktionen noch nicht angekommen. Dabei könnte genau das die Lösung für fehlende Etats beim Qualitätsjournalismus sein. Natürlich ist Qualitätsjournalismus nicht in erster Linie geldabhängig. Aber ganz ohne geht es auch nicht. Das öffentlich-rechtliche Fernehen demonstriert allerdings an einigen Stellen die Zusammenhangslosigkeit von Geld und Qualität. Oder wie ZEIT-Redakteur Christoph Diekmann das in einem Podium zum vergangenen Mitteldeutschen Medientreffpunkt formulierte: „Wenn man den ganzen Tag MDR schaut, könnte man glauben, die Zuschauer sind alt und dumm“. Damit war gemeint, dass manche Formate in den klassischen Medien ihre Nutzer nicht ernst nehmen und vor allem nicht fordern. „Die sind so, die ticken so. Das ist so seit Jahrzehnten…“. Dieser Altersheimjournalismus widerspricht den statistisch verifizierten Realitäten. Während die unterschätzten, oft auch älteren Nutzer sich weiterentwickeln, wird in den Elfenbeintürmen weiter Plan-Journalismus betrieben. Und trotzdem flattert alles aufgeregt wie Hühner über den Hof, wenn Themen umgesetzt werden müssen. Immer und immer wieder. Es ist die Unsicherheit durch das Internet, die wie ein Damoklesschwert über den Redaktionen thront. Es scheint, als hoffen viele Journalisten in den klassischen Medien, sich mit ihrer bisherigen Arbeitsweise noch bis zum Ruhestand hangeln zu können. Aber das Internet wird schneller sein. Das Internet ist kein Lehrerzimmer, in dem die jungen, die dazustoßen, mit der Zeit zurecht geschliffen werden und alles immer beim alten bleibt.

So oft haben die klassischen Medien es schon unterschätzt. Als Ende der 90er die New-Economy-Blase geplatzt ist, haben die klassischen Medien den Online-Journalismus gleich mit begraben. Womit sie nicht gerechnet haben, war der mündige und aktive Medienkonsument. Die technologischen Entwicklungen des Internets und der Endgeräte haben einer unglaublichen Interaktivität die breite Datenbahn frei gemacht. Mit Google wurde die Selbst-Recherche revolutioniert, mit Social Communities die klassischen Kommunikationskanäle durcheinandergewirbelt. Was bleibt, ist Ratlosigkeit in den Elfenbeintürmen. Kopflos wurden von großen Verlagen bis heute Konzepte ausprobiert, um im Internet Fuß zu fassen und den nicht aufzuhaltenden Medienwandel zu überleben. Auf Medienkonvergenz kamen nur wenige. Das Zusammenspiel alter und neuer Medien würde Qualität und Nutzen sogar erhöhen. Aber: Das Internet war zu lange der Feind, den man aussitzen müsse. Überheblich saßen die Chefredakteure mit verschränkten Armen zurückgelehnt in den Sesseln der Podien bei den Medienkongressen. Sie konnten und wollten nicht einsehen, dass das Internet die Medienwelt extrem liberalisiert hat, Mauern aufbrach und damit die Zunft der Medienmacher in den soziokulturellen Raum verlagerte.  Was vor zehn Jahren noch Zukunftsmusik von Spinnern war, passierte. Die ältere Generation Medienmacher hat freilich einen anderen Zugang, der historisch aus der Wächterfunktion gewachsen ist, wegen der Medien in der BRD ihre großzügige Pressefreiheit überhaupt bekamen. Inzwischen haben nicht nur die Suchmaschinen und Onlinemagazine die Mediennutzung der Konsumenten verändert und somit das Interesse der zahlenden Werbeindustrie geweckt. Auf die Frage „Woher weißt Du das?“ oder „Wo steht das?“ hätte man früher mit einem Titel einer Zeitung oder eines Radiosenders geantwortet. Das war der ganze Stolz dieser Zunft. Heute steht es zuerst bei Facebook und MeinVZ. Facebook hat mit 500 Millionen Nutzern weltweit (Tendenz steigend) jetzt schon eine höhere Auflage als alle deutschen Tageszeitungen zusammen. Der Buschfunk und das Dorfgespräch sind zurück, die orale Kommunikation im digitalen Zeitalter.

Werte

Wir waren einmal Aufklärer, Entdecker und Reformer. Hans-Dietrich Genscher bezeichnete uns als „Artillerie der Freiheit“. Was daraus geworden ist, will ich an dieser Stelle gar nicht selbst kommentieren, sondern jedem Mediennutzer überlassen. Allerdings empfehle ich hierzu die Abschiedsrede von Alt-Bundespräsident Johannes Rau 2004 vor dem Netzwerk Recherche in Hannover, die leider immer noch aktuell ist: „Medien zwischen Anspruch und Wirklichkeit“, der ich mich anschließe.

Journalisten und Lehrende wie Prof. Dr. Michael Haller, Thomas Leif, Hans Leyendecker, Günther Wallraff, viele Mitglieder im Netzwerk Recherche e. V. und der Pressekodex des Deutschen Presserats werden von den Elfenbeintürmen belächelt. Noch schlimmer: die meisten Journalisten und andere Medienproduzenten kennen diese gar nicht mehr. Das liegt nicht nur an den vielen Quereinsteigern im dank Pressefreiheit offenen Berufszugang zum Journalismus. Und es liegt auch nicht am Internet und den „vielen bösen Bloggern“. Es liegt vor allem an zu wenig konsequenter Medienaufsicht und der durch Arroganz verblendeten Führung vieler klassischen Medien. Selbstverständlichkeit hat behäbig gemacht, die Macher wie die Nutzer. Die Macher fühlen sich immer noch als Elite, dabei zwingt das Internet sie längst, ein Teil des soziokulturellen Raums zu sein. Unvorstellbar für Generationen ab 40 aufwärts. Die Nutzer strafen das nicht ab und bestätigen damit diese Haltung auch noch. Leider finden Verlage für die sinkenden Auflagen immer wieder neue Ausreden wie das „böse Internet“. Nur die Selbstkritik, die sie von den Akteuren fordern, über die sie berichten, fordern sie nicht von sich selbst. Transparenz gibt es kaum. Transparenz ist es nicht, bei Facebook zu posten, wie gut die Stimmung gerade in der Redaktion ist.

Für die klassischen Medien gibt es unzählige Aufsichtsorgane. Der Deutsche Presserat ist träge und zu passiv, ebenso wie die mündigen Bürger, die Beschwerden einreichen könnten. Die Rundfunkräte sind durchtränkt von politischen Einflüssen. Die Landesmedienanstalten werden von den großen Privatsendern gegeneinander ausgespielt und kommen so um Sanktionen herum. Aber da ist ja noch das Internet. Hier wird ständig sanktioniert, oft durch Klickzahlen und Suchmaschinen-Platzierungen. Die Lösung liegt in der Medienkonvergenz. Die Internetpräsenzen vieler Regionalzeitungen und anderer Zeitungsverlage geben allerdings ein jämmerliches Bild vom Verständnis der Blattmacher hinsichtlich der Medienkonvergenz ab. Und sie zeigen oft auch wieder die fehlende Nähe zu den Lesern. Konvergenz heißt: aufeinander zugehen, nicht, sich zu verbiegen oder zu verstellen. Konvergenz ist eine gemeinsame Anpassung an die dynamische Umwelt. Der erste Schritt wäre Verständnis. Dazu müssten viele Medienmacher ihre Elfenbeintürme verlassen und ihren wirklichen Nutzern zuhören. Ich würde es mir wünschen. Denn der jahrelange Glaube, die Leser kommen mit Familiengründung und Hausbau zurück zu den klassischen Medien und jeder will eine echte Zeitung beim Lesen in der Hand haben, wurde bereits von unzähligen Nutzerstudien und den Internetstatistiken widerlegt. Deshalb zurück zu alten Werten: Lesen macht schlau ;o)

Wir müssen umdenken, auch wenn es schwer fällt. Journalisten sind es gewohnt, stets die Fehler bei anderen zu suchen und zu publizieren. Mit der Internet-Revolution werden wir gezwungen, auch bei uns Fehler zu identifizieren, darüber einen offenen, ehrlichen Diskurs zu führen und daraus zu lernen, wenn klassische Medien nicht aussterben sollen. Von allein verlagern sich qualitativ gute Medieninhalte nicht aus klassischen in die neuen Medien.

Wir müssen die ursprünglichen Werte wieder entdecken und pflegen. Vertreten müssen wir sie aber alle gemeinsam. Nicht nur Haller & Co., sondern auch folgende Generationen. Alles beginnt mit dem Zuhören.

*Henryk Balkow M.A. ist seit seinem 17. Lebensjahr freier Journalist für Tageszeitungen, Nachrichtenagenturen und Fernsehen mit Lebensmittelpunkt in Erfurt. Hier hat der Medienexperte eine eigene Nachrichtenagentur, ames Medien, gegründet. Er studierte in der Thüringer Landeshauptstadt Staatswissenschaften und Kommunikationswissenschaft. Inzwischen klärt der 30-jährige an Universitäten und Akademien in Berlin, Leipzig, Erfurt und Ilmenau in Praxis-Seminaren als Lehrbeauftragter für Journalismus, Mediensystem, PR und Kommunikation auf. Bei der Thüringer Landesmedienanstalt ist Henryk Balkow ehrenamtlich Vorsitzender im Ausschuss für Programmaufsicht und Jugendschutz sowie Mitglied im Ausschuss für Medienkompetenz und Bürgermedien. Beim junge medien thüringen – junge presse thüringen e.V. bildet er seit zehn Jahren den Mediennachwuchs aus. Zur Zeit promoviert er zudem an der Friedrich-Schiller-Universität Jena in der ökonomischen Netzwerkforschung.

Written by Henryk Balkow

Oktober 5, 2010 at 11:26 pm

Spannung ohne Spaltung – Wiederveinigung: 1. Alumnitreffen der Erfurter Staatswissenschaften mit Schwerpunkt „Annäherung“ nach 20 Jahren politische Wende

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Staatswissenschaften 1. Alumnitreffen in Erfurt

ERFURT. 03. Oktober 2010.

Deutschland feiert 20 Jahre Einheit, die Erfurter Staatswissenschaften feierten am Wochenende 10 Jahre interdisziplinäres Denken. Damit die Denkrichtungen aus einem Jahrzehnt Studium und Lehre auch im Handeln wirksam werden, trafen sich in Erfurt ehemalige und aktuelle Lehrende mit einstigen Studierenden zum 1. großen Alumnikongress. von Henryk BALKOW

Dabei ging es nicht um das „Who is who“ und „Wer macht was“, sondern den Erfahrungs-und Gedankenaustausch zu aktuellen Herausforderungen von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Thüringens Wirtschaftsminister Matthias Machnig (SPD) bekräftigte mit Blick auf die USA, wie wichtig ehemalige Studierende auch für die künftige Entwicklung seien. Universitäten dürften keine Drehtüren seien, sondern sollten durch die Vernetzung der Jahrgänge eine Marke mit Orientierung hinterlassen, so Machnig weiter. Prof. Dr. Hermann-Josef Blanke von der Staatswissenschaftlichen Fakultät formulierte eine Verpflichtung der ehemaligen Studierenden gegenüber ihrem einstigen Lernort.

Machnig sprach von bevorstehenden Modernisierungsaufgaben in Deutschland, die nicht nur die Wirtschaft, sondern mit Blick auf fatale Irrtümer von Wirtschafts-Nobelpreisträgern auch die Wissenschaft beträfen. Die Wirtschaft brauche sinnvolle Regeln.

Gerade die Erfurter Staatswissenschaften haben sich vor zehn Jahren vorgenommen, diesen gesellschaftlichen Wandel durch den interdiszplinären Ansatz zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik mitzugestalten, indem sie Menschen auf die damit verbundenen Aufgaben vorbereiten.

„Die rund 100 Teilnehmer des Alumni-Treffens sind teilweise in die Wissenschaft, Politik oder Wirtschaft gegangen. Sie sind heute Leistungsträger und Mitgestalter. Dieser Austausch und die Rückbesinnung auf unsere Werte, die im Studium gereift sind, sind der Grundgedanke unseres Kongresses“, erklärt Mitveranstalter Fabian Disselbeck. Deshalb wurden neben der Vernetzung auch konkrete Themen auf die Agenda gesetzt, über die man hier offen diskutiere. Im Panel „20 Jahre ein Land – wer nähert sich wem an“, moderiert von Journalist Sergej Lochthofen, waren sich die Experten einig, dass die politische Integration von BRD und DDR funktioniert habe, es aber kulturell immer noch Unterschiede gibt, weil einerseits Medien diese immer wieder anschieben und „zudem in den neuen Bundesländern bei der Wiedervereinigung kulturell der bürgerliche Boden gänzlich entzogen wurde“, betonte Prof. Dr. Gerhard Wegener von der Universität Erfurt. Dieser Flurschaden sei noch nicht überbrückt.

„Es war meiner Ansicht nach auch ein großer Fehler, die Industrieforschung der DDR platt zu machen“, ergänzte Thüringens Wirtschaftsminister – ursprünglich aus dem Sauerland stammend. „Die neuen Bundesländer mussten nach Jahrzehnten Verostlichung durch die UDSSR plötzlich eine komplette Verwestlichung einhergehend mit der Globalisierung verkraften“, erinnerte im Podium Dr. Joachim Zweigert vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut HWWI. Dies sei ein Grund für die innere Spaltung Deutschlands. Indes beklagte Jürgen Aretz, ehemaliger Staatssekretär im Thüringer Wissenschaftsministerium, dass noch heute Probleme aktuellen Regierenden zur Last gelegt werden, deren Wurzel eigentlich in einer katastrophalen Regierung der SED liegen.  Hinzu sei eine Modernisierungsblockade der BRD gekommen, ergänzte Soziologe Prof. Dr. Frank Ettrich von den Erfurter Staatswissenschaften. „Um das ungeheure Projekt Wiedervereinigung zu schaffen, wurde das alte BRD-System so erhalten und politisch im Osten integriert, ohne das Experiment als Chance der Modernisierung zu wagen“. Diese inneren Modernisierungsprozesse müssten nun nachgeholt werden und seien unbequem. Die oft strapazierten Unterschiede zwischen Ost und West, so das Podium, seien kulturell nur eine Frage der Generationen, denn die jüngeren Jahrgänge wie jene der Staatswissenschafts-Studierenden denke nicht mehr in Ost und West. Es gebe sehr wohl Unterschiede, wie es sie auch schon vor mehr als 20 Jahren zwischen Bayern und Westfalen gegeben habe. Dies sei sogar eine Stärke von Deutschland. Man werde jetzt auch noch europäischer und internationaler, aber habe regionale Profile. Diese Prozesse, so Machnigs Wunsch zum Schluss, erforderten ein anderes Miteinander: offen und redlich.

Podium des Staatswissenschaften-Alumni-Treffens in Erfurt

In einem weiteren Panel diskutierten Dr. Alexandra Scheele von der Universität Potsdam, Prof. Dr. Dr. Jürgen Backhaus von den Erfurter Staatswissenschaften sowie Prof. Dr. Müller zu Möglichkeiten moderner Emanzipation zwischen Beruf und Familie. Backhaus bekräftigte als Finanzwissenschaftler, welches Potenzial eine andere Rollenverteilung von Mann und Frau gesellschaftlich und wirtschaftlich haben könnten. Frauen hätten ihre Rolle zwischen Beruf und Familie schon geklärt, die Männer aber noch nicht, erklärte Scheele.

Der Austausch zu Zeitgeist und Herausforderungen soll nun im Alumni-Netzwerk der Erfurter Staatswissenschaften kontinuierlich fortgsetzt werden, so Disselbeck. In einem jüngst gegründeten Verein werde es dafür auch Regionalgruppen geben.

Internet-Tipp:  http://www.alumni-staatswissenschaften.de/ und http://www.staatswissenschaften.de/

Written by Henryk Balkow

Oktober 4, 2010 at 12:25 am

Orchester der Einheit – Die Thüringer STÜBAphilharmonie begleitete symbolisch den Festakt 20 Jahre Tag der Deutschen Einheit vor dem Reichstag

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STÜBAphilharmonie & Clueso & Band

Viele verschiedene Klangfarben – eine harmonische, kraftvolle Einheit. Ein Orchester steht für Einheit trotz Unterschieden. Die STÜBAphilharmonie vertonte heute den Tag der Deutschen Einheit, steht aber auch als Sinnbild einer zusammengewachsenen Generation zwischen Umbruch, Aufbruch und Durchbruch. Von Henryk BALKOW

BERLIN. 03. Oktober 2010.

Zwischen 20 und 30 Jahren sind die meisten der rund 150 Vereinsmitglieder alt. Sie haben die politische Wende 1989 als Kinder erlebt und sind in die Deutsche Einheit hineingewachsen. Die Stüba Philharmonie hat heute Abend vor dem Deutschen Reichstag den offiziellen Festakt des Bundestags verzaubert. Eine große Ehre für die jungen Thüringer. Sie spielten die Deutsche und Europäische Hymne. Der Bundestag suchte sich außerdem den Prolog aus dem Filmklassiker „Metropolis“ sowie „Gewinner“ und „Keinen Zentimeter“ gemeinsam mit dem Thüringer Musiker und Produzenten Clueso heraus.

Der 30-jährige Erfurter erlebte die DDR nur als Kind, vergaß aber auch in seinen Rap-Texten der 90er Jahre nicht, dass auch da ideologisch und pädagogisch geprägt mit Plastik-Granaten in der Schule gespielt wurde. Für den musikalischen Freigeist war die Wende 1989 ein Gewinn.

Auch die jungen Musiker der STÜBAphilharmonie fühlen sich als Gewinner der Deutschen Einheit. Sie haben sich selbst und gemeinsam etwas aufgebaut. Sie stehen für Entfaltung und Aufbau dank Freiheit. „Wir konnten immer frei über Art und Inhalt der Projekte entscheiden. Wir wissen, das war nicht immer so. Aber wir wissen es nur noch aus Erzählungen der älteren Generationen“, erklärt Jens Kobe. Der gerade 30 Jahre jung gewordene Trompeter und Vorsitzende des als Verein organisierten Freizeitorchesters erlebte die politische Wende als 9-Jähriger in Stützerbach am Rennsteig. Diesem Ort verdankt das Orchester auch seinen Namen, denn hier fanden über viele Jahre hinweg die Proben der STÜBAphilharmonie statt. Eigentlich kommen die Musiker aber aus ganz Thüringen, inzwischen auch aus ganz Deutschland. Manche sind zu-, andere abgewandert. Der Zusammenhalt blieb immer.

Nur wenige von ihnen sind Profi-Musiker. „Wir spielen hier alle als Herzensmusiker mit Leidenschaft und weil wir zusammen wie eine Familie sind“, so Jens Kobe weiter. Das aus dem Landesjugendspaß-Orchester entsprungene Projekt hatte dabei nicht immer blühende Landschaften in der Kasse. Es ist kein Verdienst der Thüringer Kulturförderung gewesen, der den Nährboden der STÜBAphilharmonie sicherte. „Dahinter stecken viel Eigeninitiative, Engagement und Zusammenhalt. Als wir 2007 mit Clueso erstmals einen ersten großen, gemeinsamen Auftritt bei einem großen Berliner Radiosender hatten, entdeckte die Kulturstiftung des Bundes unser Potenzial und förderte uns“, erinnert sich Kobe. Aus dem Fonds „Neue Länder“ wurde das Projekt unterstützt. Inzwischen haben Clueso und die STÜBAphilharmonie erfolgreich ein gemeinsames Doppel-Album mit 24 Songs herausgebracht. Die Texte von Clueso passten, denn sie spiegeln die Sehnsüchte, Sichtweisen, das Miteinander und den Mut der gemeinsamen Generation wieder. Eine Generation, die seit der Deutschen Einheit mit dem Kopf durch Mauern geht.

Das Projekt stehe zudem für einen kulturellen Brückenschlag zwischen Generationen, aber auch zwischen alten und neuen Bundesländern, bekräftigt Jens Kobe. Mit den Klassik-Arrangements der beliebten Clueso-Songs begeistert das Thüringer Orchester bundesweit Fans für eine Musikkultur, die ihnen bislang meistens fremd war. Die gemeinsame Konzert-Tour in den alten Bundesländern im vergangenen Jahr war restlos ausverkauft. „Es ist ein viel durchmischteres Publikum. Die Jüngeren klatschen zwischen den Sinfoniestücken, weil sie es nicht anders kennen. Daran muss man sich als Klassischer Musiker erst gewöhnen, aber das ist gut so“. meint der gebürtige Stützerbacher. Für Clueso war es die Erfüllung eines Traums: als Sänger seine Songs mit einem Orchester auf die Bühne bringen. Vor fünf Jahren wurde dies das Geschenk zu seinem 25. Geburtstag. „Ich bin immer noch jedes Mal wie ein kleines Kind beeindruckt, wenn ich singe und die Lieder mit der sanften Wucht dieses Orchesters verstärkt werden“, schwärmte Clueso im Interview.

Der Erfurter berichtet immer wieder stolz über das Staunen von Musikern außerhalb, wie sich in Thüringen junge Leute treffen und offen gemeinsam etwas aufbauen. Die Löcher in der Infrastruktur der neuen Bundesländer hätten oft die Möglichkeit für neue Brücken geboten. Der Videoproduzent des Zughafens, Baris Aladag, kommt aus Köln.  Cluesos neues Album produziert er gerade nahe Stuttgart zu Ende. Sein Manager ist aus Berlin über Köln nach Erfurt gezogen. Stüba, Clueso und der Zughafen kennen keine Grenzen. Es wuchs zusammen, was zusammengehört.

Inzwischen hat die STÜBAphilharmonie ihren Vereinssitz in den Erfurter Zughafen verlagert, in dem auch Clueso seine Musik produziert. Gemeinsam arbeiten hier Musiker, Freunde, Macher an Projekten. Sie kommen aus allen Himmelsrichtungen, treffen sich, machen Musik. Sie begeistern sich gegenseitig, werden begeistert und packen an. Für die Kulturstiftung des Bundes ein seltenes, nachhaltiges Vorzeigeobjekt der Kulturförderung.

„Wir haben beide kein festes Repertoire, sondern machen immer wieder neue Projekte, auf die wir Bock haben“, so Kobe weiter. Das Kammer-Orchester der STÜBAphilharmonie spielte so beispielsweise vergangenen Sommer beim Wave-Gotik-Treffen in Leipzig Mozarts Requiem in der Krypta des Völkerschlachtdenkmals. In Ilmenau und Oberhof spielten sie die 2. Sinfonie von Ralf Vaughan Williams. Am Deutschen Nationaltheater Weimar vertonten sie ein Puppenspiel für Kinder. Dahinter und dazwischen stecken viele Probecamps in der Freizeit, mal auf Burg Lohra, mal am Rennsteig. Und auch die eigenen Mitgliedsbeiträge. „Unser Antrieb ist einerseits eine immer flammende Neugier, auch für unkonventionelle Projekte. Der Applaus unseres Publikums ist wohl auch deswegen kein gewöhnliches Klatschen, sondern Dank für ein Stück eigensinnige und leidenschaftliche Kultur. Große, glasige Augen bei Jung und Alt sind aber die größte Anerkennung für die Entscheidungen und das Engagement der letzten Jahre“. Nachwuchsprobleme gebe es bei der STÜBAphilharmonie nicht. Wer wolle, könne sich aber als Fördermitglied des Vereins auch ohne Instrument dem kulturellen Freigeist des Orchesters anschließen.

Internet-Tipp: www.stueba.de, www.clueso.de und www.zughafen.de

Written by Henryk Balkow

Oktober 4, 2010 at 12:06 am

Hello world!

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Written by Henryk Balkow

Oktober 3, 2010 at 11:38 pm

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